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Ausschuss für Kultur und Medien
19. Juni 2003
 

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Interview mit Monika Griefahn am 19.6.2003 (telefonisch)

1. Nach Ihrem Besuch in der Musikschule Soltau: Welchen Eindruck haben Sie von der Arbeit einer öffentlichen Musikschule?

Ich bin oft in Musikschulen, zumal meine Kinder ja hier in Buchholz eine Musikschule besuchen und auch als wir noch in Hannover lebten dort an einer Musikschule Unterricht hatten. Ich finde die öffentlichen Musikschulen sehr wichtig, vor allem weil sie ein sehr weites Spektrum anbieten. Die privaten Musikschulen haben ja häufig ein begrenzteres Spektrum. Deshalb setze ich mich sehr dafür ein, dass die Musikschulen erhalten werden. Ich zitiere da gerne unseren Innenminister, der gesagt hat: „Wer Musikschulen schließt, gefährdet die innere Sicherheit.“ Ich glaube, es ist ein sehr wichtiges zusätzliches Instrument, Kinder an Dinge heranzuführen, ihnen Anregungen und Motivation zu geben und ihnen soziales Lernen zu ermöglichen.

2. In Soltau haben Sie gesagt: „Musikalische Förderung ist nicht nur eine freiwillige Aufgabe, sondern eine Pflichtaufgabe.“ – Welche konkreten Vorstellungen für die Kultur- und Bildungspolitik verbinden Sie damit?

Musikalische Förderung ist eine Investition in die Zukunft. Sie gehört zur Bildung. Die Bastian-Studie hat ja sehr deutlich gemacht, dass Kinder, die in der Schule intensiv Musikunterricht gehabt haben auch in anderen Fächern besser waren, weil eben soziale Kompetenz vermittelt wird, weil man miteinander etwas tut. Deswegen halte ich die musikalische Bildung für eine fast zwingende Aufgabe, weil ganz andere Sinne angesprochen werden, ganz andere Kompetenzen geschult werden, als es in anderen Fächern der Fall ist. Alles was mit Bildung zu tun hat, ist unglaublich wichtig für die Zukunft. Es ist doch abartig, wenn man bedenkt, dass eine Straße als Investition gilt, obwohl sie sich abnutzt und alles was mit Bildung zu tun hat, dazu gehören auch die Musikschulen, gilt als Konsum, den man dann einschränken kann. Das halte ich für eine falsche Systematik. Das ist ein Thema, das wir auf der Bundesebene in den Vorschriften und den Finanzrichtlinien auch wirklich ändern wollen.

3. Die Kassen der Gemeinden sind bekanntermaßen leer, viele Musikschulen kämpfen um Ihre Existenz, einige wurden schon geschlossen. Wenn Sie Musikschulleiterin wären, wie würden Sie für den flächendeckenden Erhalt und die Förderung der Musikschulen in Niedersachsen argumentieren?

Es ist kurzsichtig von den Kommunen, das Geld für die Musikschulen zu kürzen. Um noch mal beim Innenminister zu bleiben: Wenn Kinder – gerade in Flächengebieten -nachmittags keine sinnvolle Aufgabe haben - ich plädiere ja auch für Ganztagsschulen in die dann die Arbeit der Musikschulen in Kooperation integriert wird - hat man hinterher in die Situation, mehr Geld für Polizei aufwenden zu müssen. Da machen die Kommunen natürlich eine Milchmädchenrechnung auf, wenn sie sagen, Geld für Musikschulen ist erst einmal kommunales Geld, die müssen wir einsparen und die Polizei bezahlt dann das Land. So kann es natürlich nicht sein.

4. Seit dem Regierungswechsel in Niedersachsen wird die Kulturförderung des Landes wieder neu diskutiert. Die Musikschulen werden vom Land mit einem im Lotteriegesetz verankerten Betrag von 1,3 Millionen Euro jährlich gefördert. Das entspricht zwei Prozent des Gesamtetats der Musikschulen in Niedersachsen. Zum Vergleich: Die niedersächsischen Staatstheater werden mit 47 Millionen Euro jährlich gefördert. Sind Sie nicht auch der Meinung, dass die Finanzierung der Musikschulen nicht nur eine Aufgabe der Kommunen, sondern auch des Staates ist?

Die Kommune ist der Staat. Es ist nur eine Frage der Finanzverteilung. Es werden ja jetzt auch folgende Fragen diskutiert: Wie kann eine Gemeindefinanzreform aussehen? Welche Aufgaben haben die verschiedenen Ebenen, sprich: die Gemeinde, das Land und der Bund? Die Debatte über die Finanzierung der verschiedenen Aufgaben wird sicherlich in Zukunft verstärkt geführt werden, damit Verschiebeaktionen nicht nötig sind. Wenn die Kommunen also die Finanzierung der Musikschule streichen, zahlt das Land aber den Polizeieinsatz für die Kinder, die möglicherweise nachmittags Unsinn anstellen.

Was die Finanzierung betrifft müssen wir einen zusätzlichen Appell an die Musikalienindustrie, an die Notenverlage etc. richten: Wenn die Musikindustrie nicht selber auch ein Stückchen dazu beiträgt, in die Nachwuchsförderung einzusteigen, dann hat sie später auch keine Käufer mehr. Dann kaufen die Leute nur noch irgendwelche CDs oder laden sich ihren Musikbedarf aus dem Internet herunter und haben gar keine Beziehung mehr dazu, selber Musik zu machen. Deshalb muss es eine konzertierte Aktion von staatlicher Aktivität, Schulen, Musikschulen, Kommunen, Eltern aber eben auch der interessierten Industrie geben, wenn sie noch zukünftig ihre Käufer sichern will und wir eine Kulturnation bleiben wollen.

5. An allgemein bildenden Schulen herrscht ein desaströser Mangel Musikunterricht. Was halten Sie von der Idee, dass die Musikschulen sich den allgemein bildenden Schulen als Kooperationspartner anbieten und helfen diese Lücke an den allgemeinbildenden Schulen schließen?

Der Mangel an Musikunterricht hängt aber zum Teil auch damit zusammen, dass es zuwenig ausgebildete Lehrer gibt. Da ist eine Anstrengung notwendig, die Lehrerausbildung und die Musikerausbildung etwas zu entzerren. Im Moment ist es ja so, dass die Eingangsvoraussetzungen quasi gleich sind und dadurch Musiklehrer abgeschreckt werden. Man muss kein Klaviervirtuose sein, um ein guter Klavierlehrer zu werden. Das Musikstudium ist meiner Meinung nach dringend überarbeitungswürdig, damit wir überhaupt Musiklehrer an die Schulen bringen können. Es liegt nicht daran, dass die Stellen nicht da wären, sondern daran, dass eben teilweise auch das Personal nicht da ist.

Ich halte es außerdem für sehr notwendig, dass wir viel mehr Ganztagsschulen einrichten und in den Ganztagsbetrieb der Schulen die örtlichen Einrichtungen, die Musikschulen, die Sportvereine und andere, miteinbezogen werden, damit sie, integriert in den Ganztagsbetrieb, ihre Angebote machen können und die Kinder – gerade in den ländlichen Regionen - nicht die Schwierigkeit haben, dass, wenn sie keine taxifahrenden Mütter haben, sie diese Angebote nicht wahrnehmen können. Das Angebot der Musikschule sollte Teil des Schulangebotes sein – das halte ich für eine sehr gute Regelung, da kommt man dann auch zu Finanzierungsmöglichkeiten, die realistisch sind. Wenn die Schulen vom Land bezahlt werden, dann kommt man zu diesen kooperativen Finanzmodellen von denen ich eben sprach. Statt Polizei kann man dann lieber Schule bezahlen.

6. Ein Blick ins benachbarte Bundesland Nordrhein-Westfalen: Michael Vesper (Grüne), Landes-Kultusminister in Nordrhein-Westfalen, sieht in den Ganztagsschulen, die ab Sommer verstärkt angeboten werden sollen, eine „riesige Chance, die musisch-kulturelle Bildung der Kinder in großen Schritten voranzubringen.“ Die Kooperation ist von Ministerium und Verband der Musikschulen ist bereits auf den Weg gebracht. Sehen Sie diesen Weg als konsequente Weiterentwicklung von kultureller Bildung nach PISA?

Das Zitat hat Herr Vesper von mir. Wir haben diese Diskussion in Niedersachsen schon gehabt als die vorletzte Schulreform der SPD-Regierung diskutiert worden ist und als auch das Angebot des Bundes für die Ganztagsschulen kam. Ich habe mich auch genau für diesen Punkt sehr stark gemacht, indem ich gesagt habe, dass es in der Ganztagsschule die musisch-kulturelle Bildung für die Kinder geben muss, die eben gerade in den ländlichen Bereichen diese Möglichkeiten sonst nicht haben. Ich befürchte nur, dass die neue Landesregierung in Niedersachsen da nicht so konsequent weiterverfährt, weil sie ja kein großes Interesse an den Ganztagsschulen hat. Zum Beispiel hätte es in dem Landkreis, in dem ich wohne, von den Bundesmitteln her die Möglichkeit gegeben vier Ganztagsschulen zu errichten - beantragt worden ist aber leider nur eine. So haben die Musikschulen natürlich auch nicht die Möglichkeit, die Kooperationen weiter zu betreiben.

Ich halte es außerdem für ein großes Problem, dass die neue Landesregierung vor allem die Projektarbeit fördern will, denn gerade Musikunterricht und die kulturelle Bildung insgesamt funktionieren nur, wenn sie kontinuierlich möglich gemacht werden und nicht nur als Projekt, in dem man sechs Wochen irgend etwas Schickes macht und dann ist es wieder vorbei. Projektarbeit ist dazu geeignet, einen Anreiz zu bieten, aber sie ist nicht nachhaltig.