Viele schrecken zurück, wenn sie „Neue Musik“ hören: schräge Klänge, komische Geräusche und die von der bekannten Weise abweichende Bedienung von Instrumenten trifft oft auf Unverständnis. Natürlich ist das nur die halbe Wahrheit und von vielen Vorurteilen besetzt, wie bei vielen Dingen, die sich nicht sofort erschließen, die nicht eingängig im herkömmlichen Sinne sind.
Die musikalische Bildung junger Menschen in den Schulen und Musikschulen wird dabei, so finde ich, immer wichtiger. Der Musikunterricht, musikalische Förderung überhaupt sind eine Investition in die Zukunft. Sie gehören zur Bildung. Die Bastian-Studie hat ja sehr deutlich gemacht, dass Kinder, die in der Schule intensiv Musikunterricht gehabt haben auch in anderen Fächern besser waren, weil eben soziale Kompetenz vermittelt wird, weil man miteinander etwas tut. Deswegen halte ich die musikalische Bildung für eine fast zwingende Aufgabe, weil ganz andere Sinne angesprochen werden, ganz andere Kompetenzen geschult werden, als es in anderen Fächern der Fall ist. Alles was mit Bildung zu tun hat, ist unglaublich wichtig für die Zukunft. Es ist doch abartig, wenn man bedenkt, dass eine Straße als Investition gilt, obwohl sie sich abnutzt und alles was mit Bildung zu tun hat, dazu gehören auch die Musikschulen, gilt als Konsum, den man dann einschränken kann. Das halte ich für eine falsche Systematik. Das ist ein Thema, das wir auf der Bundesebene in den Vorschriften und den Finanzrichtlinien auch wirklich ändern wollen.
Das alles gilt natürlich auch für die Neue Musik. Gerade weil sie nicht leicht zugänglich ist und eine Art Nischendasein fristet, aber einen wichtigen Teil des kulturellen Schaffens ausmacht, muss sie stärker vermittelt werden. Es ist deshalb kurzsichtig von den Kommunen, das Geld für die Musikschulen zu kürzen. Um einmal auf Bundesinnenminister Otto Schily zu kommen: „Wer Musikschulen schließt, gefährdet die innere Sicherheit“, hat er einmal gesagt. Das heißt, wenn Kinder – gerade in Flächengebieten -nachmittags keine sinnvolle Aufgabe haben - ich plädiere ja auch für Ganztagsschulen in die dann die Arbeit der Musikschulen in Kooperation integriert wird - hat man hinterher in die Situation, mehr Geld für Polizei aufwenden zu müssen. Da machen die Kommunen natürlich eine Milchmädchenrechnung auf, wenn sie sagen, dass das Geld für Musikschulen kommunales Geld sei, das eingespart werden müsse und die Polizei bezahlt dann das Land. So kann es natürlich nicht sein.
Der Mangel an Musikunterricht hängt aber zum Teil auch damit zusammen, dass es zuwenig ausgebildete Lehrer gibt. Da ist eine Anstrengung notwendig, die Lehrerausbildung und die Musikerausbildung etwas zu entzerren. Im Moment ist es so, dass die Eingangsvoraussetzungen quasi gleich sind und dadurch Musiklehrer abgeschreckt werden. Man muss kein Klaviervirtuose sein, um ein guter Klavierlehrer zu werden. Das Musikstudium ist meiner Meinung nach dringend überarbeitungswürdig, damit wir überhaupt Musiklehrer an die Schulen bringen können. Es liegt nicht daran, dass die Stellen nicht da wären, sondern daran, dass eben teilweise auch das Personal nicht da ist.
Ich halte es außerdem für sehr notwendig, dass wir viel mehr Ganztagsschulen einrichten und in den Ganztagsbetrieb der Schulen die örtlichen Einrichtungen, die Musikschulen, die Sportvereine und andere, miteinbezogen werden, damit sie, integriert in den Ganztagsbetrieb, ihre Angebote machen können und die Kinder – gerade in den ländlichen Regionen - nicht die Schwierigkeit haben, dass, wenn sie keine taxifahrenden Mütter haben, sie diese Angebote nicht wahrnehmen können. Das Angebot der Musikschule sollte Teil des Schulangebotes sein, denn Musikschulen sind hervorragend dazu geeignet, Kindern Anregungen und Motivation zu geben und ihnen soziales Lernen zu ermöglichen. Die Vermittlung Neuer Musik hätte hier ihren Platz. Aber auch Initiativen wie die Kinderkomponistenklasse Winsen/Luhe in meinem Wahlkreis sind unentbehrlich, weil sie Lücken füllen und die Kinder an völlig neue Hör- und Sichtweisen heranführen.
Was die Finanzierung betrifft müssen wir einen zusätzlichen Appell an die Musikalienindustrie, an die Notenverlage etc. richten: Wenn die Musikindustrie nicht selber auch ein Stückchen dazu beiträgt, in die Nachwuchsförderung einzusteigen, dann hat sie später auch keine Käufer mehr. Dann kaufen die Leute nur noch irgendwelche CDs oder laden sich ihren Musikbedarf aus dem Internet herunter und haben gar keine Beziehung mehr dazu, selber Musik zu machen. Deshalb muss es eine konzertierte Aktion von staatlicher Aktivität, Schulen, Musikschulen, Kommunen, Eltern aber eben auch der interessierten Industrie geben, wenn sie noch zukünftig ihre Käufer sichern will und wir eine Kulturnation bleiben wollen.