Besonders in diesem Jahr stehen viele deutsche Musiker im Rampenlicht, das zeigt nicht nur die diesjährige ECHO-Preisverleihung. Für diejenigen, die Musik hauptsächlich im Radio hören, mag das verwunderlich sein, denn von der viel beschworenen neuen „Neuen Deutsche Welle“ bekam man dort nur wenig mit. Doch ein Blick vom Rundfunk weg reicht aus, um zu erkennen, wovon hier die Rede ist. Ob nun in den Verkaufs-Charts oder bei Konzerten überall ist zu merken, dass in Deutschland produzierte Musik mit deutschsprachigen Texten angesagt ist und sich die deutschen Künstler in den letzten Jahren eine neue Qualität und ein neues Selbstbewusstsein erarbeitet haben.
Aber darf der Rundfunk bei dieser Entwicklung deutsche Musik in seinem Programm so stark reduzieren, dass am Ende oft weit weniger als 20 Prozent übrig bleiben? Hier muss die Antwort ganz deutlich heißen: Nein. Denn der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat einen Kulturauftrag, der die eigene Musikkultur klar mit einschließt und die privaten Stationen haben zu einem großen Teil Lizenzen für ein Vollprogramm deshalb erhalten, weil sie sich zu einer musikalischen Vielfalt verpflichtet haben, die man dann aber auch hören sollte. Da trotz immer wieder aufkommender Diskussionen darüber genau diese Vielfalt nach wie vor bei den meisten Sendern nicht genügend beachtet wird, haben wir von SPD und BÜNDNIS 90/DIE GRÜNEN den Antrag „Für eine Selbstverpflichtung…“ (BT-DS: 15/4521) erarbeitet, der im Dezember 2004 im Bundestag mehrheitlich beschlossen wurde. Darin werden die Länder, in deren Kompetenz eventuelle gesetzliche Regelungen fallen, und die Bundesregierung aufgefordert, Gespräche mit den Sendern zu führen und auf eine Selbstverpflichtung hinzuarbeiten. Damit werden die Sender zum Schließen einer gemeinsamen Vereinbarung aufgerufen, die sie selbst erarbeiten sollen und die also nicht gesetzlich vorgeschrieben ist. Wenn allerdings eine wirkliche Verbesserung für die faire Abbildung von musikalischer Vielfalt erreicht werden soll, macht es wenig Sinn, wenn sich die Akteure auf einen geringeren Anteil als 35 Prozent deutschsprachige bzw. in Deutschland produzierte Pop- und Rockmusik einigen würden, wobei die Hälfte der Titel Neuerscheinungen sein sollten.
Viele Beobachter meinten solch eine politische Forderung sei zu schwach, gerade in Frankreich sehe man doch die zahlreichen positiven Effekte einer gesetzlich festgeschriebenen Quote. Aber zum einen haben wir in Deutschland ein grundsätzlich bewährtes föderales System, so dass es jedem Länder selbst freigestellt ist etwaige gesetzliche Regelungen zu finden und zum anderen denke ich, dass eine Selbstverpflichtung auch Chancen bietet, gerade weil die Sender in Eigenregie nach Lösungen suchen können. Ob eine Station Wert darauf legt innovativ zu sein und den Hörern nicht immer nur das bieten will, was schon auf allen anderen Wellen zu hören ist oder nicht, kann jeder Betreiber selbst entscheiden. Allerdings müssen wir erreichen, dass die musikalische Vielfalt unserer Kultur, über die wir in Deutschland verfügen und die momentan mit Künstlern von „Annett Louisan“ bis „Max Herre“ und Bands wie „Wir sind Helden“ oder „Mohnblau“ besonders deutlich zu hören ist, im Rundfunk auch angemessen repräsentiert wird.
Nicht nur wir Politiker warten nach der Entscheidung des Bundestages nun darauf, dass die Sender reagieren. Zahlreiche Umfragen der letzten Zeit haben gezeigt, dass die Hörer ebenfalls auf eine größere Vielfalt hoffen. Bereits vor zwei Jahren ergab eine Umfrage, dass 58,1 Prozent der Bevölkerung gern mehr Neuheiten und unbekannte Künstler im Radio hören würden und 62,3 Prozent sprachen sich für mehr Musik mit deutschen Texten aus. Ich kann die Ablehnung mancher Radiomacher gegen unsere Initiative nicht verstehen, da doch inzwischen klar geworden sein müsste, dass die Hörer nicht länger die immergleichen rotierenden Superhits wollen.
Ich kann allerdings die Ängste der Betreiber verstehen, die plötzliche Hörereinbrüche fürchten. Allerdings bieten sich hier zahlreiche Möglichkeiten des Experimentierens mit den Sendeformaten und mit der Zusammenstellung von Titellisten. Auf eine sehr interessante Methode haben sich beispielsweise gerade Programmdirektoren und Geschäftsführer einiger deutscher Privatstationen verständigt. Sie wollen mehr Neuheiten spielen und dies so mit den Partnersendern abstimmen, dass die einzelnen Titel bei den Stationen parallel gesendet werden. Damit würde die Gefahr eines Umschaltens verringert.
Solange die Sender dafür sorgen, dass deutschsprachige bzw. in Deutschland produzierte Pop- und Rockmusik angemessen repräsentiert wird, kann sich der Gesetzgeber ruhigen Gewissens aus der Arbeit der Anbieter heraushalten. Wichtig ist allerdings, dass die Öffentlich-Rechtlichen sowie die Privaten weiter daran arbeiten müssen. Ich persönlich bin überzeugt, dass die Hörer mehr musikalische Vielfalt honorieren und bei denen, die das ewig gleiche spielen, bald weghören werden. Sehen wir die Diskussion positiv. Sie steht für das Bedürfnis nach Radio, dass als Medium für uns wieder eine größere Bedeutung bekommt und nicht nur im Hintergrund läuft, wo wir es kaum wahrnehmen.