ÜBERSICHT: Berliner Themen > Arbeit in den Ausschüssen > Ausschuss für Kultur und Medien

Ausschuss für Kultur und Medien
27. Februar 2000
 

Seite 1/1

Kultureller Glanz als politische Aufgabe
Kulturpolitik zwischen Bewahrung und Bewährung

Pascale Hugues hat uns gestern die offene, aber provozierende Frage gestellt, ob wir unsere Identität als Deutsche offensiver vertreten sollen oder dürfen? Sie sprach sich auch dafür aus, neue Methoden zu finden. Das deutsch-französische Jugendwerk etwa, als Vermittler von Dialog und Identität, habe sich überlebt.

Ich vertrete eine andere These: gerade in der Zeit von Globalisierung und kultureller Revolution nach der Erfindung des Buchdrucks, wie mein Kollege Jörg Tauss es zu sagen pflegt, suchen die Menschen überall ihre Wurzeln. Die Folge ist neben der scheinbar grenzenlosen Mobilität des Geldes und damit gezwungenermaßen der Arbeitnehmer, eine zunehmende Renationalisierung. Hatten wir vor 10 Jahren noch etwa 180 Staaten auf der Erde, zählen wir heute um die 200. Und die Auswanderungen im damaligen Jugoslawien auch in den letzten Tagen haben wieder die Debatte laut werden lassen, ob man ein serbisches und ein albanisches Kosovo schaffen soll, aber eben als Trennung von Nationalitäten statt ein Zusammenwachsen. Auch im Rest von Europa ist noch nicht alles so paneuropäisch und kosmopolitisch wie unsere Diskussionen es erscheinen lassen. Nicht zufällig haben rechtspopulistische Charaktere wie Haider Konjunktur, hält die nordirische Regierung nicht und gab es wieder Opfer im Baskenland und das nicht im letzten oder vorletzten Jahrhundert - sondern im Jahr 2000! Und noch nie gab es so viele bewaffnete Konflikte wie zur Zeit - die letzte mir bekannte Zahl ist 49!

Daran sehen wir, dass die Kluft zwischen armen und reichen Ländern, zwischen Beschleunigung und Nicht-mehr-mitkommen, zwischen Anonymität und dem Wunsch nach "warm bodies", wie die Polynesier die einzige Kommunikationsmöglichkeit nennen, die sie kennen, größer und nicht kleiner wird. Gestern wurde erwähnt, dass wenige Kilometer von hier die CeBit schwarz von Menschen ist - ich vermisse hier ein Forum über die Neuen Medien und deren kulturellen Auswirkungen. Was passiert denn eigentlich mit uns, wenn wir die Brötchen übers Internet anfordern, 3-Wort-messages auf das Handy der Freundin spielen, in den Nachrichten mit Staunen erfahren, dass die Telekomaktien das 6fache des Kaufpreises wert sind, ich keine Zeit mehr habe, Freunde zu treffen, weil die Arbeitszeiten so unterschiedlich sind, dass man nicht mehr zusammen Volleyball spielen kann, sondern es gerade zum Gang ins Fitnesscenter reicht? Was heißt das für die zivilisatorische Entwicklung unserer Kinder, die jetzt alle schnell computerkompatibel geschult werden müssen und was heißt das für die Entwicklung unserer Wurzeln, unserer Identität?

Wir haben gemeinsam mit den französischen Kollegen darauf gedrungen, dass die Frage der kulturellen Vielfalt ein Thema in den WTO-Verhandlungen wird. Ich halte das für zentral wichtig und nicht für einen Nebenaspekt. Ich glaube, auch das DFJW (Deutsch-Französisches Jugendwerk) hat neue Aufgaben: Durch das Vorhalten von Spiegeln - wie Pascale Hugues es gestern mit uns gemacht hat - könne wir Identität wiederfinden und behalten. Und dafür ist Sprache zentral wichtig. Haben wir internationale, ja selbst nur europäische Zusammenhänge, ist die einzige gemeinsame Sprache Englisch. Auch ich muß gestehen, dass, obwohl ich in deutsch-französischen Zusammenhängen sozialisiert bin, mein Englisch heute besser ist als mein Französisch.

Und da setzt auch die Aufgabe von Kulturpolitik an: Wir als Politiker setzen keinen Glanz oder Gloria - wir können nur Rahmen setzen, damit eigene Identität sich vermitteln kann: So haben wir endlich einen Kulturminister - der mit den Kulturministern der anderen Ländern diskutieren kann (und das auch tut wie bei der Buchpreisbindung). Wir haben im Parlament endlich einen Kulturausschuss, der die verschiedenen Ebenen, die leider in der Regierung verstreut sind, zusammen bringen soll: die Auswärtige Kulturpolitik aus dem Auswärtigen Amt, die Informationsarbeit im Ausland über Deutschland aus dem BPA (Bundespresseamt) und die Rahmenbedingungen für Kultur im Inlandsbereich des Kulturstaatsministers. So kann sicherlich der Staatsminister Glanzpunkte setzen wie eine neue Filmförderung oder die Beschleunigung der Sanierung des Preussischen Kulturbesitzes. Wir schaffen Rahmenbedingungen wie Stiftungsgesetz, ein neues Gedenkstättenkonzept oder den überfälligen Abschluss der Diskussion um das Holocaust Mahnmal.

Wir versuchen das Bild mit zu entwickeln, das wir im Ausland präsentieren können: ein Volk nach der Vereinigung, dass nicht übermütig ist, Selbstzweifel hat und auf der Suche ist, aber mithelfen will, Demokratie in anderen Ländern oder Dialogfähigkeit zwischen Gruppen unterschiedlicher Auffassung zu entwickeln. Dafür brauchen wir diese Eigenschaften auch hier! Deshalb fördern wir hier soziokulturelle Zentren und nicht nur Hochkultur. Deshalb haben wir gerade einen neuen Unterausschuss "Neue Medien" gegründet. Aber deshalb legen wir auch Wert darauf, dass die Deutsche Welle Krisenradio im Kosovo macht oder den Sender in der Ukraine startet. Wir wollen verstanden werden - im direkten und übertragenen Sinne. Dafür sind die Goethe-Institute existentiell wichtig - denn auch über die Sprache erschließt sich unsere Kultur. Und deshalb grübeln wir, mit welchen Strukturen wir mehr Institute mit weniger Mitteln schaffen können. Deshalb versuchen wir, neue Wege zu finden, mehr Wissenschaftler über DAAD (Deutscher Akademischer Austauschdienst) und Humboldt-Stiftung zu uns zu bekommen. Denn wenn Menschen aus anderen Ländern uns kennen, bleiben sie auch dem Land verbunden. Gleichzeitig versuchen wir, mit den europäischen Nachbarn, v.a. Grossbritannien und Frankreich, gemeinsame Wege zu finden und z.B. Konsulate und Programme zusammen zu betreiben. Diese Debatte steht noch am Anfang, ist aber dringend notwendig.