Sehr geehrte Damen und Herren,
seit 1992 wird nun über die Gestaltung des Schlossplatzes
in der Berliner Mitte diskutiert. Ohne Zweifel: dieser Ort ist ein
besonderer Ort in der Hauptstadt und verdient deshalb besondere
Beachtung. Schon in preußischer Zeit hatte er eine Strahlkraft über
Berlin hinaus, und das Gesamtensemble der Berliner Mitte - Museumsinsel,
die Linden, der Pariser Platz und das Brandenburger Tor - unterstützte
diese Wirkung noch.
Seit dem Ende des Krieges, spätestens aber seit
der Sprengung des Stadtschlosses ist diese Wirkung dahin. Erst die
Zerstörung durch Bomben, dann die teilweise Neubebauung und -gestaltung
der Mitte vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor veränderten das
Bild völlig. Wir haben es also mit einer städtebaulichen Umwälzung
zu tun, die sowohl unter historischen als auch unter architektonischen
Gesichtspunkten nicht ignoriert werden kann.
Natürlich lädt der verwaiste Schlossplatz geradezu
ein, sich Gedanken über dessen Gestaltung zu machen. Deshalb haben
wir heute diese Debatte. Aber es kann doch nicht im Ernst darum
gehen, mit historisierenden Konzepten an alten Glanz und Gloria
anknüpfen zu wollen.
Das hieße, die architektonische Realitäten der
letzten 50 Jahre nicht zur Kenntnis zu nehmen. Ob man nun den Palast
der Republik oder den Marx-Engels-Platz mag oder nicht: sie gehören
zur Geschichte der Stadt. Sie sind Ausdruck einer politischen Geschichte,
die zur Geschichte des Landes gehört und insofern nicht weg zu diskutieren
sind.
Das heißt aber: wenn man sich Gedanken über die
Gestaltung des Schloßplatzes macht, dann ist das gesamte Umfeld
dieses Geländes in die Überlegungen mit einzubeziehen. Nur so kann
man der Geschichte der Berliner Mitte gerecht werden. Und nur so
ist es gewährleistet, das die zukünftige Gestaltung des Schloßplatzes
von der Bevölkerung auch angenommen wird. Die alleinige Rekonstruktion
der historischen Kubatur mit ihrer historischen Fassade ist die
falsche Lösung. Sie passt nicht mehr auf den Schlossplatz und schon
gar nicht in die heutige Zeit. Der Schlossplatz in seiner jetzigen
Gestalt bietet alle Chancen und Möglichkeiten einer Gestaltung,
die sich an den Gegebenheiten und Erfordernissen unserer zukünftigen
Lebenswelt orientiert.
Verstehen Sie mich nicht falsch: ich stelle nicht
die grosse baukulturelle Bedeutung des ehemaligen Stadtschlosses
in Frage.
Der Schlossplatz soll auch ein Ort der Erinnerung
an die Geschichte sein. Aber gerade deshalb kann es nicht darum
gehen, die Historie einfach architektonisch wieder zu beleben. Das
würde weder dem Ort noch der Zeit gerecht werden. Die Gestaltung
kann nur im Rahmen einer Gesamtkonzeption geplant werden, die dem
gesamten Umfeld des Platzes - historisch und städtebaulich - gerecht
wird. Dieser Ort kann daher nur öffentlich, demokratisch und vor
allem bürgernah gestaltet werden. Nach meiner Auffassung widerspricht
dies auch einer rein privaten Finanzierung. Dann wäre die Gefahr
einer ausschließlich kommerziellen Nutzung viel zu gross.
Die Expertenkommission "Historische Mitte Berlins",
die das Bundeskabinett bald einsetzen wird, wird darüber zu befinden
haben, wie der Platz genutzt werden soll, wie welcher Bau auf der
Kubatur des alten Schlosses aussehen kann und welche Finanzierungskonzepte
möglich sind. Daneben soll ein städtebauliches Gesamtkonzept für
die Umgebung erstellt werden.
Diese Vorgehensweise halte ich für angemessen.
Der Kommission soll deshalb auch genug Zeit für ihre Beratungen
eingeräumt werden. Es wäre fatal, wenn aus Zeitmangel oder wegen
Zeitdrucks an dieser herausragenden Stelle in der Berliner Mitte
etwas entstehen würde, das nicht im Geringsten der Bedeutung des
Ortes gerecht würde.
Wir dürfen uns bei der Gestaltung des Schlossplatzes
nicht unter Druck setzen lassen. Wir haben es hier mit einem politischen
und kulturellen Raum im Humboldt'schen Sinne zu tun, der die Elemente
von Museumsinsel, Oper und Universität ergänzen muß. Der Aspekt
der Zentralität dieses Ortes und die Einbeziehung dieser Idee müssen
meiner Auffassung nach die bestimmenden Elemente bei der Gestaltung
und Planung sein.
Deshalb muss meiner Ansicht nach zuerst die Nutzung
bestimmt werden, denn die Nutzung bestimmt auch die anschließende
Architektur. Bei der Nutzung möchte die SPD-Fraktion eine vorwiegend
öffentliche Nutzung erreichen. Für die öffentliche Nutzung könnte
zum Beispiel eine internationale Organisation, die den Gegensatz
zwischen Ost und West verbindet und in die Zukunft weist, wie z.B.
die UNESCO, eine gute Institution sein.
Ein anderer interessanter Vorschlag ist der von
Professor Lehmann gemachte, die Museumsinhalte aus Dahlem als Ergänzung
zur Museumsinsel für die nichteuropäische Kulturgeschichte auf das
Gelände in ein Nachfolgegebäude des Schlosses unterzubringen. Dieses
bedeutet aber, dass es öffentliche Nutzungen sind, die zum Teil
auch durch die öffentliche Hand mitfinanziert werden.
Interessant ist dabei auch die Auffassung von Professor
Lehmann, dass eben auch die Dahlemer Gebäude renovierungsbedürftig
wären und der Mitfinanzierung bedürften, so dass diese Gelder eingespart
werden könnten und als öffentliche Gelder mit in die Erstellung
eines Gebäudes im Schlossareal einfließen könnten.
Die zweite Überlegung gilt der Gestaltung des Gebäudes
und der Frage der Einbeziehung der Volkskammer. Ich habe großen
Respekt vor der Geschichte der Menschen in der DDR und vor denkmalgeschützten
Gebäudeteilen, die historische Bedeutung haben, nämlich des Volkskammersaals.
So gehört der Volkskammersaal sicherlich als ein Element mit in
die Überlegung, ihn in ein wie auch immer gestaltetes Gebäude am
Schlossplatz zu integrieren. Schwierigkeiten wird es sicherlich
dabei geben. Die Kubatur des Schlosses zu erhalten und trotzdem
den Volkskammersaal zu integrieren, aber auch das ist sicherlich
architektonisch möglich, wie wir am Potsdamer Platz gesehen haben.
Die dritte Frage, die sich dann stellt, ist: soll
es ein modernes Gebäude oder der Wiederaufbau des Schlosses sein?
Für beides gibt es gute Argumente. Ein Wiederaufbau des Schlosses
würde an die Tradition anschließen und würde das Ensemble der Museumsinsel,
der Humboldt-Universität und der Oper ergänzen. Ein modernes Gebäude,
das zukunftsweisend ist und vielleicht auch noch architektonisch
nicht anschließt an zum Beispiel die Architektur des Potsdamer Platzes,
sondern neue Wege geht, würde wiederum einen Blick in die Zukunft
gestatten.
Sozialdemokraten sind ja auch immer gut für Kompromisse.
Ich kann mir durchaus eine Kombination von beidem vorstellen: einen
Teil des Schlosses im Bauhütteverfahren aufzubauen, einen Teil mit
der Integration des Volkskammersaales modern zu gestalten. Also
eine innovative Lösung für den Gesamtkomplex auf dem Schlossareal
zu finden.
Wie gesagt, ich empfinde die Debatte heute nur
als Anregung für die Arbeitsgruppe, für die Expertenkommission,
die jetzt eingerichtet werden soll. Sie wird begleitet werden von
einer Moderatorengruppe die Regierung und Parlamente der Bundesrepublik
und des Landes Berlin vertritt und wir werden in den Ausschüssen
- und ich bin sicher, dass das der Bauausschuss genauso machen wird
wie der Ausschuss für Kultur und Medien -, die oder den Vorsitzenden
oder auch einzelnen Mitgliedern der Expertenkommission, einladen,
ihre Vorstellung und die Diskussion in der Expertengruppe zu hören
und zu bewerten.
Denn klar ist, dass sich das Parlament letztendlich
dann hinterher ein eigenes Bild machen muss und entscheiden muss,
wie auch immer die Vorschläge aus der Expertengruppe dann sein werden.
In diesem Sinne werden wir auch die bestehenden Anträge der F.D.P.,
der schon eingebracht ist, und der CDU diskutieren. Ansonsten warten
wir gespannt auf die Arbeit der Kommission und die Dynamik, die
sich durch die vielschichtigen Persönlichkeiten ergibt.
Vielen Dank.