Konfliktprävention durch Kultur - ein Schlagwort
in der Diskussion um die Ausgestaltung der Auswärtigen Kulturpolitik.
Die Konfliktprävention mit zivilen Mitteln dagegen ist ein schon
lange diskutiertes Thema, das nun mit der Kultur in Verbindung gebracht
wird. Die Fragen, die dabei diskutiert werden, drehen sich um die
Möglichkeiten, wie mit kulturellem Austausch Krisen und Konflikte
verhindert werden können. Dabei entfaltet sich ein breites Spektrum
der Möglichkeiten und Notwendigkeiten. Dieser Beitrag will die Breite
nicht diskutieren, sondern die Möglichkeiten der Politik, insbesondere
der Auswärtigen Kulturpolitik beleuchten. Wir stehen insbesondere
vor der Schwierigkeit, keine empirische Basis für Ansätze zu haben,
mit denen durch die Anwendung kultureller Maßnahmen ein Konflikt
verhindert werden konnte. Gut zu beobachten sind dagegen kulturelle
Maßnahmen, mit denen Konflikte bewältigt - nicht verhindert - werden
können. Die Aufführung von Lessings "Nathan der Weise" in Sarajevo
an verschiedenen religiösen Stätten und mit Schauspielern verschiedener
religiöser Herkunft ist ein Beispiel dafür. Hier geht es aber um
die Frage, wie die Verhinderung von Konflikten, präziser: die gewaltsame
Austragung eines Konfliktes, durch kulturelle Maßnahmen verhindert
werden könnte.
Die Vereinten Nationen haben das Jahr 2001 als
das "Jahr des Dialogs zwischen den Kulturen" ausgerufen. Dabei wird
u.a. davon ausgegangen, dass eben dieser Dialog dazu beitragen kann,
das Konflikte verhindert oder leichter bewältigt werden können.
Der wichtigste Beitrag, so die Vereinten Nationen, liege darin,
dass die beste Verhinderung eines "clash of civilisations" die bessere
und tiefere Kenntnis anderer Kulturen sei. Die Probleme fangen aber
schon bei den Begriffen an: "Zivilisation" und "Kultur" werden oft
nebeneinander verwendet und oft nicht unterschieden. Schwierig wird
es, wenn man die Übersetzungen in andere Sprachen bemüht: im Russischen,
im Arabischen, im Chinesischen wird jeweils etwas anderes darunter
verstanden. Im arabischen Raum gibt es die Befürchtung, dass aus
einem solchen Dialog der Kulturen oder Zivilisationen die Überlegenheit
einer bestimmten Kultur hervorgehen könnte. Es wird die Gleichheit
der Kulturen als Basis des Dialogs gefordert. Europäer verstehen
unter Kulturen komplexe Gebilde, die nicht monolithisch sind und
einem ständigen Wandel unterworfen sind. Hier wird die Diversität
der Kulturen betont. In Afrika gibt es die Auffassung einer universalistischen,
pan-menschlichen Zivilisation, deren Vision heute aktueller denn
je sei. Zu diesen Auffassungen gesellt sich die Tatsache, das auch
schon innerhalb der verschiedenen Regionen, ja sogar einzelner Länder,
kulturelle Unterschiede bestehen. Diese wenigen Beispiele zeigen,
dass die Voraussetzungen für eine Konfliktprävention durch kulturelle
Maßnahmen nicht gerade ideal sind. Dennoch möchte ich aufzeigen,
dass die Politik, und insbesondere die Auswärtige Kulturpolitik,
Möglichkeiten haben, Interessenausgleiche herbei zu führen und ein
der Wahrnehmung der Konfliktparteien angepasstes präventives Handeln
zu verfolgen.
Die deutsche Außenpolitik, getragen von Parlament
und Auswärtigem Amt, verfolgt nicht erst seit der neuen "Konzeption
2000" eine wertorientierte Auswärtige Kulturpolitik. Demokratieförderung,
Verwirklichung der Menschenrechte, nachhaltiges Wirtschaften, Teilhabe
am wissenschaftlich-technischen Fortschritt, Armutsbekämpfung und
Schutz der natürlichen Ressourcen sind Werte, für die eindeutig
Position bezogen wird. Diese Werte sind Bestandteile eines weit
gefaßten Kulturbegriffes. Das ist die eine Seite des hier betrachteten
Politikfeldes. Auf der anderen Seite stehen die Konflikte: sie sind
normaler, notwendiger Bestandteil menschlichen Handelns und damit
eine soziale Realität, die auch gesellschaftliche Entwicklung fördert.
Konflikte an sich sind also nicht das eigentliche Problem, sondern
deren gewaltsame Austragung. Das Ziel jeder Konfliktbearbeitung,
also auch der deutschen Auswärtigen Kulturpolitik, ist daher die
gewaltfreie, nichtmilitärische Austragung und nicht nur z.B. der
frühzeitige Einsatz von Polizeikräften. Die Prävention besteht also
darin, den Ausbruch von gewaltsamen Handlungen zu verhindern, und
zwar durch eine Mischung von kulturellem Austausch und Verständigung.
Kann eine wertorientierte Auswärtige Kulturpolitik eine solche Arbeit
leisten? Oder steht gerade die Wertorientierung dem entgegen? Es
besteht die reale Gefahr, dass sich Werte in einem Dialog zunächst
gegenüber stehen, auch unversöhnlich. Eine präventiv ausgerichtete
Auswärtige Kulturpolitik muss daher versuchen, durch ihre Instrumente
auf beiden Seiten eines Konfliktes - sowohl bei der dominierenden
als auch bei der unterlegenen - Kapazitäten für eine konstruktive
Konfliktbearbeitung bereit zu stellen. Die Unterstützung und Förderung
einer demokratischen Medienkultur beispielsweise dürfte hier von
großer Bedeutung sein. Auch der Austausch von künstlerischen Projekten
und die Förderung kultureller Arbeit im weiteren Sinne sowie die
Bereitstellung von Freiräumen, in denen gefahrlos Begegnungen stattfinden
können, sind von großem Wert. Die vor mehr als 20 Jahren durchgeführten
"Nächte der Poesie" in Teheran, organisiert durch das Goethe-Institut,
sind immer noch in lebhafter Erinnerung als ein Ereignis, das die
Menschen zusammengebracht hat. Auch wenn sich ein Konflikt bereits
in der Phase der Konfrontation befindet, können immer noch dialogorientierte
Interventionen helfen. Hier kommt es darauf an, die Kommunikation
aufrecht zu erhalten und sie konstruktiv zu gestalten. Auch das
ist mit kulturellen Projekten möglich, denn es geht bei Konflikten
immer auch um Fragen der Identität und Anerkennung. Identitäten
drücken sich aber hauptsächlich durch kulturelle Äußerungen aus.
Der Bezug auf eine Kultur ist nichts anderes als die Identifikation
mit derselben. Ich glaube, dass gilt sogar dann, wenn Kultur instrumentalisiert
und mißbraucht wird. Hier kann Auswärtige Kulturpolitik vermittelnd
eingreifen und Möglichkeiten bereitstellen, sich mit der jeweils
anderen Kultur und damit Identität auseinander zu setzen. Wenn Konfliktparteien
die Chance haben, die identitätsstiftenden Merkmale der "gegnerischen"
Kultur kennen- und begreifen zu lernen, dann gibt es auch die Chance,
sich anders als gewalttätig auseinander zu setzen. Die Auswärtige
Kulturpolitik kann dazu Räume bereitstellen, Ausstellungen organisieren,
Lesungen und Runde Tische zum Dialog der Kulturen veranstalten und
somit einen kulturellen Dialog in Gang setzen, der es erlaubt, den
Anderen mit anderen Augen zu sehen, die Interessen und Bedürfnisse
zu artikulieren und letztlich das gegenseitige Verständnis finden.
Die deutsche Auswärtige Kulturpolitik tut all dies
schon lange. Es scheint aber bisher nicht nachweisbar, dass ein
Konflikt deswegen nicht gewaltsam ausgebrochen ist, weil kulturelle
Prävention dies verhindert hätte. Über nicht ausgebrochene Konflikte
wird ja auch in den Medien nicht berichtet. Ich denke aber, dass
die Auswärtige Kulturpolitik diesen Nachweis nicht erbringen muß.
Es reicht, wenn Menschen berichten, sie hätten nach dem Besuch einer
Ausstellung oder nach einem Konzert etwas über "die Anderen" gelernt
und ihre Ansichten revidiert oder zumindest überdacht. Wenn dies
gelingt, ist viel erreicht. Und es trägt dazu bei, das die Auswärtige
Kulturpolitik als ein weltweiter Friedensbeitrag betrachtet wird.
Das kann auch für das Deutschlandbild in der Welt nicht ganz schlecht
sein.