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Sonstige Bundespolitik
2001
 

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Artikel „natur & kosmos“
Greenpeace 30 Jahre - eine kritische (?) Bilanz

„Die Brent-Spar-Aktion sei wenig rühmlich gewesen“, sagen einige Medien und denken an einen Fehler in der Darstellung der Schadstoffbelastung während der 4-tätigen Aktion gegen die Versenkung der Shell-Bohrinsel in der Nordsee im Jahre 1995. Tatsächlich aber wurde im Rahmen der OSPAR, der Oslo-Paris-Konvention (das ist das internationale Abkommen, das die Nordsee und den Nordatlantik vor Schadstoffeinleitung schützen soll) ein Verbot der Versenkung von Bohrinseln beschlossen und am 23.3.98 ratifiziert, also drei Jahre nach der Greenpeace-Aktion. Ein grandioser Erfolg! Es wurden nicht einfach fünftausend Tonnen Stahl mit erheblichen Restmengen an Schadstoffen wie beispielsweise Schwermetallen und chlorierten Kohlenwasserstoffen im Meer versenkt. Darüber hinaus werden jetzt grundsätzlich alle Bohrinseln, die es in der Nordsee und im Nordatlantik gibt, wieder an Land gebracht und das Material wiederverwertet. Das ist ein Schritt in eine echte Kreislaufwirtschaft.

Sind diese Medien selbst schon Opfer ihrer Medienwirkung geworden? Ich persönliche finde, gerade diese Kombination von sichtbarer Aktion und intensiver Lobby-Arbeit auf den internationalen Konferenzen mit vielen Ländern macht den Charakter der Arbeit von Greenpeace aus.

So konnten Wale seit 1992 nach 15 Jahren Kampagnenarbeit bis jetzt geschützt werden. So hat die Atommüllversenkung in der 80er Jahren ein Ende gefunden. So sind Atomwaffentests, zuerst oberirdisch und später auch unterirdisch zumindest in den etablierten Atomstaaten, beendet worden.

Und so fing alles an: Als die US-Atom-Energie-Kommission ankündigte, einen Sprengsatz mit der mehr als vierhundertfachen Zerstörungskraft, die Hiroshima-Bombe, inmitten der erdbebengefährdeten Region Amchitka im Spätsommer 1971 zünden zu wollen, beschloss ein Komitee „Don`t Make A Wave“ eine außergewöhnliche Besetzung des Testgebietes. Ein Schiff sollte in die Sperrzone eindringen, dabei aber keine US-Hoheitsgewässer verletzen. Die Bewegung war geboren, als der 23-jährige Bill Darnell sagte, „Make it a green peace“- die Bewegung hatte ihren Namen.

Auch Frankreich kündigte weitere Atomwaffentests an, ungeachtet eines Verbotes des internationalen Gerichtshofes. Greenpeace hat seit 1971 in allen Ländern, die Atomwaffen getestet haben, inklusive China und Indien Protestdemonstrationen unternommen. [In Deutschland demonstrierte der heutige internationale Vorstandsvorsitzende Gerd Leipold mit der Fahrt eines Heißluftballons von Ost nach West über dem alliierten Kontrollraum in Berlin]. Immerhin, es gibt heute einen CTBT( Comprehensive Test Ban Treaty), für den Greenpeace lange gekämpft hat. Besonders David McTaggart, der in diesem Jahr bei einem Autounfall in Italien ums Leben kam, hat sein ganzes Greenpeace-Leben gekämpft , sowohl auf der „Vega“, seinem Segelboot, als auch noch zuletzt bei einer Aktion vor Moruroa im Jahre 1995 sowie auch auf den unzähligen internationalen Konferenzen: beim Non-Proliferation-Treaty , beim CTBT und bei den Vereinten Nationen.

Uns in der Politik obliegt es jetzt, alle Atomwaffen-Länder für die Unterzeichnung und Umsetzung zu gewinnen. Es ist besonders schmerzhaft, dass die USA auch unter Bill Clinton den Vertrag nicht unterzeichnet haben und Indien und Pakistan auch vor dem 11. September 2001 mit Bedrohungssituationen im asiatischen Bereich argumentiert haben, dass sie auch weiterhin die Atombomben bräuchten. Ein Misserfolg? Ja und nein. Die Tests von vielen Atomwaffenländern sind eingestellt, neue Länder kommen allerdings laufend hinzu.

Einen echten Erfolg erzielte Greenpeace gegen die Atommüllversenkung: Die London-Konvention hat die Versenkung grundsätzlich verboten! Nichtsdestotrotz wird in einigen Teilen der Erde Atommüll versenkt, und zwar unkontrolliert – die Ozeane sind groß. Ein Riesenproblem stellen in diesem Zusammenhang alte sowjetische U-Boote, die in den nördlichen Meeren lagern. Die „Kursk“ mit Atom-Antrieb ist das erste, das gehoben wurde, doch nicht etwa wegen der Umwelt- und Gesundheitsgefährdung, sondern weil der Umgang mit den Leichen der Seeleute, die man am Meeresgrund ließ, eine unglaubliche Empörung in der Bevölkerung auslöste. Zu Recht!

Auf die Tendenzen der Globalisierung hat Greenpeace sehr früh reagiert. 1980 und 1981 bei meinen ersten Aktionen gegen die Dünnsäureverklappung in der Nordsee wurde deutlich, dass die Firma Kronos-Titan nicht eigenständig handelt, sondern nur eine Tochter des amerikanischen Konzerns National Lead Industries ist. Das heißt, Greenpeace wurde auch in New Jersey gegen das Mutterwerk aktiv, sowohl mit Aktionen auf der „Rainbow Warrior“, die damals noch nicht versenkt war, als auch auf der Lobby-Ebene vor Gericht. Greenpeace war und ist deshalb ein globaler Mitspieler (schon lange bevor die Diskussion um die Globalisierung intensiv entbrannt war), da nationale Kampagnen immer den internationalen untergeordnet wurden. Somit ist Greenpeace schon lange eine echte internationale Organisation. In den basisbewegten und „grünen“ Zeit Anfang der achtziger Jahre hat diese „Überordnung“ des Internationalen und die interne Struktur der Organisation zu sehr viel Ärger zwischen der damals aufkeimenden „grünen Partei“ und Greenpeace geführt, denn Greenpeace schien den „Grünen“ nicht basisdemokratisch genug und außer dem gemeinsamen Themenfeld zeigten sich damals keine großen Übereinstimmungen zwischen Partei und Organisation. (Und trotzdem betrachten mich auch heute noch viele als „Grüne“, weil ich mich für Greenpeace engagierte.)

Weltweite Aufmerksamkeit erregte Greenpeace auch mit den Kampagnen zur Rettung von Tieren wie Robben und Walen. Solche Aktionen sprechen natürlich verschiedene Ebenen an: Zum einen ist der Gebrauch von Pelzen für die persönliche Schönheit grausam, erinnern uns die Kulleraugen der Robben doch an Babies (David McTaggart nannte die Robbenkampagne „sexy issue“), zum anderen geht es bei diesen Kampagnen nicht nur um Tierschutz als solchen, sondern um Artenschutz, um Artenvielfalt, um das Habitat, das heißt die Lebenswelt der Pflanzen, Tiere und Menschen gemeinsam. Lange Zeit waren Pelze „out“, weil sich die gesamte Kampagne nicht nur gegen das Abschlachten der Robben in Neufundland/Kanada richtete, sondern weil gleichzeitig internationale Stars wie Brigitte Bardot und Annie Lennox sich des Themas annahmen. Leider scheinen auch diese Erfolge sich wieder in der allgemeinen Konsumlust zu verlieren. Ein Misserfolg? Nein. Nur ein schwindendes Bewusstsein. Offensichtlich muss man immer am Ball bleiben, denn in einer medienüberfluteten Zeit wird es immer schwieriger, mit einem Thema, das als abgehakt erscheint, wieder „neu auf den Markt zu kommen“.

Auf die Tendenzen der Globalisierung hat Greenpeace sehr früh reagiert. 1980 und 1981 bei meinen ersten Aktionen gegen die Dünnsäureverklappung in der Nordsee wurde deutlich, dass die Firma Kronos-Titan nicht eigenständig handelt, sondern nur eine Tochter des amerikanischen Konzerns National Lead Industries ist. Das heißt, Greenpeace wurde auch in New Jersey gegen das Mutterwerk aktiv, sowohl mit Aktionen auf der „Rainbow Warrior“, die damals noch nicht versenkt war, als auch auf der Lobby-Ebene vor Gericht. Greenpeace war und ist deshalb ein globaler Mitspieler (schon lange bevor die Diskussion um die Globalisierung intensiv entbrannt war), da nationale Kampagnen immer den internationalen untergeordnet wurden. Somit ist Greenpeace schon lange eine echte internationale Organisation. In den basisbewegten und „grünen“ Zeit Anfang der achtziger Jahre hat diese „Überordnung“ des Internationalen und die interne Struktur der Organisation zu sehr viel Ärger zwischen der damals aufkeimenden „grünen Partei“ und Greenpeace geführt, denn Greenpeace schien den „Grünen“ nicht basisdemokratisch genug und außer dem gemeinsamen Themenfeld zeigten sich damals keine großen Übereinstimmungen zwischen Partei und Organisation. (Und trotzdem betrachten mich auch heute noch viele als „Grüne“, weil ich mich für Greenpeace engagierte.)

Nach den offensichtlichen Umweltbelastungen, die in den achtziger Jahren angepackt wurden, wie Dünnsäureverklappung, Einleitung von chemischen Gewässern ins Meer, Luftverschmutzung durch Schornsteinbesetzung, durch Blockierung von Abwasserrohren, sind diese sichtbaren Belastungen erheblich zurückgegangen. Reparaturtechnik war das erst Ergebnis in den achtziger Jahren . Aber integrative Lösungen, neue Produkte, die diese Abfälle gar nicht erst produzierten, ließen noch auf sich warten. Das sind die Aufgaben für das dritte Jahrtausend. Denn die Frage, wie wir mit nur 20 % der Menschen 80 % der Ressourcen vergeuden ist eine der Schlüsselfragen, die sich auch Greenpeace schon vor 15 Jahren gestellt hat. Bereits 1987 in „The long-term plan“ beschlöß der internationale Vorstand, nicht nur Probleme sichtbar zu machen, sondern auch Lösungen aufzeigen. So entstand das Projekt des ersten Greenpeace-Kühlschrank ohne CFC( das Gas, das maßgeblich das Ozonloch produzierte) oder die Vorstellung des „Smiles“, einem Auto, das mit halb so viel Sprit auskommt wie herkömmliche. Die technische Lösung gibt es, aber „sexy“ sind Autos mit wenig Spritverbrauch für den Großteil der Konsumenten offensichtlich nicht. Weg von dem Autowahn hin zu intelligenten Verkehrssystemen ist immer noch nicht die Hauptforderung der Bürger. Das sehen auch wir besonders an den vielen Protesten gegen die Ökosteuer. M-Klasse-Mercedes, Allradantriebswagen verkaufen sich besser denn je und die Wartezeit bei VW ist besonders lang, bei der Marke „Golf“ mit 174 PS und CD-Player. Das Auto ist und bleibt ein Statussymbol. Das heißt,: Car-sharing, und autofreie Tage sind nur nette Aufklärungsarbeit. Blockadeaktionen auf den Straßen haben besonders die PKW- und LKW-Fahrer genervt, und das Sparmobil haben es nicht gebracht. Selbst die Firma VW, die einen „Eco-Golf“ schon vor mehreren Jahren auf den Markt brachte, hat ihn nach kurzer Zeit wieder eingestampft, weil die Nachfrage zu gering war.

Auch die Plünderung der Meere geht weiter. Politische Erfolge bei der EU oder bei der UNO sind von Greenpeace gegen die Treibnetzfischerei erreicht worden, aber die Kontrollen auf Hoher See sind so gut wie nicht existent. Es gelten immer noch die Regeln der Freibeuter der Meere. Schließlich nehmen ja auch die Piratenaktivitäten in vielen Weltmeeren wieder zu. Hat es Greenpeace geschafft, eine bessere Welt zu erreichen? In vielen Bereichen, ja. Als wir Anfang der achtziger Jahre über die persistenten organischen Chemikalien sprachen, die sich besonders in den Aktionen zur Seeverbrennung oder in den Einleitungen aus den Papierfabriken in den Rhein manifestierten, haben uns noch viele Firmen für verrückt erklärt. Es gab tatkräftige Auseinandersetzungen zwischen Arbeitern und Greenpeace, und vielen Unternehmen sprachen gar nicht mit uns. Einige Jahre später kam bereits im Industrie-Magazin ein hilfreicher Artikel „Wie geht man mit den Umweltschützern um?“, in dem einige strategisch kluge Manager empfahlen, doch die Themen ernst zu nehmen und mit den Umweltschützern ins Gespräch zu kommen. Heute gibt es viele Chemie-Unternehmen, die neue gesundheits- und umweltverträglichere Produkte auf den Markt bringen. Selbst die Baukommission des Bundestages, die meine neuen Büros im Paul-Löbe-Haus gestaltet hat, wirbt damit, dass sie lösemittelarme Kleber verwendet habe, bei der Auswahl der Materialien nur auf umweltfreundliche Produkte geachtet haben etc. Bei jeder Führung im Reichstag wird auf das besondere Energiesystem hingewiesen: keine Klimaanlage mit FCKW, sondern ein ausgeklügeltes Luftaustauschsystem, das mit einem Blockheizkraftwerk funktioniert. Auch die Windenergie ist zu unendlichen Booms gelangt und hat jetzt sogar Chancen in den Schwellenländern. So hat die niedersächsische Firma Enercon inzwischen ein joint-venture mit Indien, in dem mehrere hundert Mitarbeiter beschäftigt werden. Aber sind alle auf dem Weg zum nachhaltigen Wirtschaften? Leider nein. Der Bundeskanzler hat gerade auf seiner Rundreise durch Asien weitere Hermes-Bürgschaften für den Narmada-Staudamm bewilligt. Die amerikanische Regierung möchte bei den WTO-Verhandlungen in Katar möglichst Umwelt- und Sozialstandards ausklammern, damit die freie Wirtschaft sich wieder besser entwickeln kann. Wahrscheinlich hat der 11. September 2001 kurzfristig mehr für den Umweltschutz getan als dreißig Jahre Greenpeace an Beweußtsein geschaffen haben, wenn man die geringeren Flugbewegungen in diesen Monaten betrachtet – so zynisch es klingt. Und dennoch, wenn es Greenpeace nicht gebe, man müsste es erfinden. Toll ist, dass inzwischen xxx Greenteams junge Menschen dazu motivieren, gemeinsam für die Umwelt aktiv zu werden. Toll ist, dass heute in vierzig Ländern Greenpeace-Büros zusammenarbeiten. Da kann ich nur sagen: Herzlichen Glückwunsch, Greenpeace! Ihr werdet noch gebraucht!