Anrede,
ich bin der Fraktion der CDU/CSU sehr dankbar
für die Anfrage zu den Schadenersatzforderungen des Bundes gegen
das Land Niedersachsen, die in der Zeit der Kohl-Regierung mit ihren
Ministern Merkel und Töpfer gestellt worden ist. Sie bezieht sich
auf die vier Atomanlagen in Gorleben.
Sie geben mir als damaligen Umweltministerin von
Niedersachsen, aber auch der jetzigen Bundesregierung die immer
noch von der Union verbreiteten Unwahrheiten richtig zu stellen.
Worum geht es?
Die Bevölkerung hat schon 1990 für eine rot-grüne
Regierung in Niedersachsen votiert, weil sie den Ausstieg aus der
Atomenergie wollte und noch immer will. Sie erwartete von der Landesregierung
schnelle Massnahmen. Der Ministerpräsident von Niedersachsen, Gerhard
Schröder, hat in drei Anläufen 1994, 1995 und 1997 versucht, einen
Konsens mit der Bundesregierung über einen Ausstieg aus der Atomenergie
und eine gerechte Lastenverteilung der Endlagerkapazitäten zu finden.
Gleichzeitig wurde versucht, den Einsteig in eine neue Energiepolitik,
bestehend aus Energieeinsparung, Energieeffizienz und alternativen
Energien wie Sonne, Wind, Wasser und Biomasse zu erreichen.
Niedersachsen hat dazu bereits 1990 das Stromeinspeisegesetz
des Bundes ergänzt durch einen ehrgeizigen Öko-Fonds. Durch diese
gute Kombination von Ökonomie und Ökologie haben wir in Niedersachsen
nicht nur den größten Anteil von Windenergie, sondern auch die wichtigsten
Exportfirmen und Joint-ventures für Windenergie in aller Welt. Gorleben
haben wir von der CDU-Regierung unter Ernst Albrecht geerbt. In
Gorleben haben wir die größte Ansammlung von Endlagereinrichtungen
im Bundesgebiet; mit Verfahren, die bereits in einem Status waren,
die irreversibel erschienen. In Gorleben haben wir das Endlager
für hochradioaktiven Müll, die Pilotkonditionierungsanlage, ein
Zwischenlager für schwach radioaktiven Müll und ein Zwischenlager
für abgebrannte Brennelemente für die Castoren. Und nicht zu vergessen:
ein völlig überdimensioniertes Endlager für schwach wärmeentwickelnden
Müll, wie sich verharmlosend die Abfälle aus nuklearen Einrichtungen
nennen.
Tatsache ist, dass im Erkundungsschacht in Gorleben
wenige Jahre zuvor ein Mensch umgekommen war. Da ich das Risiko
eines weiteren Unfalles nicht eingehen wollte, ließ das Ministerium
mit Beteiligung des Ministerpräsidenten und des Kabinetts Sicherheitsgutachten
anfertigen, die zweimal zu den Verzögerungen beim Weiterbau führten.
Ich denke, Menschenleben geht immer vor. Was hätten
Sie gesagt, wenn etwas passiert wäre? Auch die beiden weiteren Forderungen
des Bundes waren politisch motiviert, da die damalige Bundesregierung
Gerhard Schröder als möglichen Kanzlerkandidaten niederzwingen wollte.
Gerhard Schröder und ich haben mehrfach versucht, uns mit der Bundesregierung
zu einigen; diese Versuche sind aber seitens des Bundes abgeschmettert
worden.
Tatsache ist, dass das Land Niedersachsen bis heute
keine Mark Schadenersatz bezahlen musste. Kein Gericht hat bis heute
ein Urteil in diesem Sinne gefällt. Vielmehr kann man davon ausgehen,
dass zwischen Land und Bund einvernehmliche Regelungen gefunden
werden. Das Landgericht Hannover hat denn auch dringend den Vergleichsweg
angemahnt, der, wie gesagt, von Kohl und Merkel abgelehnt wurde.
Viel mehr gibt es zu den anhängigen Verfahren nicht zu sagen. Alle
Fakten dazu finden sich in der Antwort der Bundesregierung auf die
Grosse Anfrage der Union.
Tatsache ist auch, dass die damalige Bundesregierung
unter Kohl mit den Ministern Töpfer und Merkel und einem Herrn Grill
eine Atompolitik betrieben haben, die, wenn das niedersächsische
Kabinett nicht gehandelt hätte, wir heute gar nicht in der Lage
wären, überhaupt über den Atomausstieg zu verhandeln.
In allen der in der Anfrage erwähnten Fällen habe
ich deshalb als verantwortliche Ministerin im Sinne der Umwelt und
der Sicherheit der Menschen vor Ort gehandelt.
Frau Merkel hat die Gefahren der Atomenergie und
die Unumkehrbarkeit, die mangelnde Fehlerfreundlichkeit der Atomtechnologie
nie ernst genommen. Sie ist die wahre atomare Altlast der Regierung
Kohl mit ihren Weisungen und Nicht-Verhandlungsfähigkeit. Noch immer
wollen über 60% der Bevölkerung den Ausstieg und noch immer passieren
gerade in hochindustrialisierten Ländern Unfälle, wie jüngst in
Japan, wo wieder einer der verseuchten Arbeiter gestorben ist.
Und deshalb: Es muss in der Atom- und Energiepolitik
darum gehen, die Lebensumstände der Menschen, vor allem aber auch
derer, die nach uns kommen, verträglich zu gestalten.
Wenn wir den Vorgaben der alten Regierung gefolgt
wären, wäre die Gefahr durch jahrtausende bestehenden Atomabfälle
einfach zu gross gewesen.
Nehmen Sie doch einfach das Beispiel der Castorbehälter:
Ich hatte schon früh Bedenken gegen die Behälter und ihre Strahlungssicherheit
geäussert. Diese Bedenken haben sich leider als Realität erwiesen,
und zwar soweit, dass sogar Frau Merkel weitere Transporte stoppen
musste.. Die festgestellte radioaktive Kontamination war leider
keine vorschnell vorgetragene Panikmache.
Oder die Atompanschereien in Grossbritannien: ich
hatte Vorbehalte und unendliche Auseinandersetzunge wegen der Zusammensetzung
der aus dem Ausland zurückkehrenden Abfälle. Auch diese haben sich
bestätigt.
Wenn man sich sachlich mit den Vorfällen auseinandersetzt,
wird man nicht umhin können, das niedersächsiche Vorgehen mit den
Plänen der damaligen Bundesregierung im richtigen Licht zu sehen.
Gorleben hat einfach zu viele Unwägbarkeiten, als
dass man leichtfertig damit hätte umgehen können. In Niedersachsen
sollten noch andere absurde Pläne der alten CDU-Landesregierung
umgesetzt werden. Zum Glück, das kann ich heute noch sagen, konnte
dies durch mein Ministerium verhindert werden. Ich spreche von drei
Sondermüll- und zehn Hausmüllverbrennungsanlagen, die, wenn sie
gebaut worden wären, dem Land Niedersachsen fünf Milliarden an Fehlinvestitionen
gekostet hätten, die ich dem Land erspart habe.
Die Chance, heute die Fragen überhaupt verhandeln
zu können, wie zentrale Zwischenlager (burden-sharing und Vermeidung
von Atomtransporten), die Überprüfung der Anzahl und der Größe der
Endlager, sowie die Sicherheit von Atomtransporten, hat was mit
den Galliern in Niedersachsen zu tun. Darauf bin ich stolz.
Herr Grill, der ja viele Jahre Sonderzuwendungen
einer Baufirma als Hochleistungspolitiker benötigt hat, soll mit
den Verleumdungen aufhören. Gerade als Vorsitzender der Enquetekommission
"Energie" sollten Sie sehen, dass zwei Milliarden Menschen noch
immer ohne Strom leben. Denen wird kein AKW helfen, sondern die
Sonne.
Und sehen Sie selbst: in anderen Ländern rechnet
sich die Atomkraft nicht. Sie läuft aus, selbst in Frankreich ist
die Euphorie vorbei. In Niedersachsen haben wir als Landesregierung
versucht, die Weichen anders zu stellen. Das ist uns gelungen. Der
Zug fährt jetzt auch im Bund in eine andere Richtung. Atomkraft
ist tendenziell undemokratisch und wenn ich dann gestern von Herrn
Lippold? höre, dass er die Entscheidung wieder umkehren möchte,
kann ich nur sagen: Gut, dass diese Bundesregierung viele Jahre
regieren wird.
Streit gehört in unsere demokratische Kultur; Verleumdungen
und Lügen aber nicht. Im Sinne unserer Verantwortung und unseres
Mandats, dass ja nur verliehen ist, erinnere ich daran.
In der Atompolitik, und dazu gehört eben auch
die Frage nach dem "Wohin mit den Abfällen", sind wir besonders
gefragt, hier ist unsere Verantwortung besonders gefordert. Wir
können, davon bin ich zutiefst überzeugt, die Atomenergie nicht
wirklich beherrschen. Nicht im Sinne einer absoluten Sicherheit
für die Menschen und auch uns selber; vergessen Sie dass nicht.
Deshalb sind manchmal Massnahmen nötig, die vielleicht nicht jedem
gefallen. Nun haben die Gerichte zu entscheiden.