An keinem anderen Gebäude in Deutschland lassen
sich so eindrucksvoll die turbulente deutsche Geschichte, die Hoffnungen
und Niederlagen der Demokratie nachzeichnen wie am Reichstagsgebäude.
Am 9. November 1918 rief der SPD-Abgeordnete Philipp Scheidemann
von einem Balkon des Reichstags die "Deutsche Republik" aus. Damit
markierte er den Beginn der demokratisch verfassten Weimarer Republik.
Keine 15 Jahre später signalisierte der Reichstagsbrand vom 27.
Februar 1933, höchstwahrscheinlich durch die Nazis angezettelt,
das Ende der Demokratie. Das Parlamentshaus war zerstört. Eine rote
Fahne der Sowjetunion, gehisst am 30. April 1945 auf der Kuppel
des stark umkämpften Reichstags, symbolisierte schließlich das Ende
des Kriegsinfernos und den Sieg über das "Dritte Reich". Der Reichstag,
nicht etwa die Reichskanzlei Hitlers, war für die Sowjetarmee militärisches
Endziel des verhassten Gegners. Die Fahnenszene wurde sogar nach
Ende der Kriegstage am Ostgiebel des zerstörten Gebäudes für Fotografien
nachgestellt.
Erneut in den Blickpunkt des Weltinteresses rückte
das Haus am 9. September 1948, als während der sowjetischen Blockade
West-Berlins Bürgermeister Ernst Reuter am Reichstag vor Hunderttausenden
Berlinern seine berühmte Rede an die "Völker der Welt" hielt. Danach
wurde es still an dem Gemäuer. Durch den Mauerbau 1961 geriet der
Reichstag, an dessen Ostseite haarscharf die Sektorengrenze verlief,
nun auch in eine Randlage: ein Geschichtsdenkmal vor grüner Wiese,
die von den West-Berlinern als Fußballplatz genutzt wurde. Das Haus
selbst führte als Tagungsort und als Ort der Ausstellung "Fragen
an die deutsche Geschichte" ein kümmerliches Dasein. Am 3. Oktober
1990 wurde das verwaiste Monument schließlich Ort der Staatsfeier
zur Wiedervereinigung Deutschlands.
Seinen größten und völlig unpolitischen Erfolg
verbuchte der Reichstag im Sommer 1995. Zwei Wochen lang lockte
die Verhüllung des Gebäudes mit gewebten silbernen Kunststoffbahnen
Millionen von Menschen an. Das Künstlerpaar Christo und Jeanne-Claude
nahm mit dieser Kunstaktion dem Wallot-Gebäude erstmals die historisch
belastete Schwere, es verflüchtigte sich der letzte Hauch von nationalem
Pathos. Das eingepackte Reichstagsgebäude badete in einer Woge der
Popularität und war Mittelpunkt eines sommerlichen Volksfestes.
Nach dieser freundlichen Zäsur rückten am 24. Juli 1995 die Bauarbeiter
an.