Sehr geehrte Damen und Herren,
die neuen Herausforderungen, denen wir uns in der
Medienpolitik im 21. Jahrhundert zu stellen haben, beschränken sich
nicht auf die Schaffung eines Ordnungsrahmens.
Wie in unserem Antrag dargestellt, muss es darum
gehen, die zwei bestimmenden gesellschaftspolitischen Leitbilder
- "Informationsgesellschaft" und "Nachhaltige Entwicklung" - so
zu verbinden, dass sowohl die Entwicklung einer Informationsgesellschaft
als auch die Entwicklung dieser Gesellschaft unter Gesichtspunkten
einer nachhaltigen Entwicklung politisch und wirtschaftlich möglich
wird.
Die viel strapazierten Begriffe in der Debatte
um die Informationsgesellschaft und die Neuen Medien - Multimedia,
Wissensgesellschaft, virtuelle Welten, Datenautobahn, Internet und
Email - schweben quasi im Cyberspace.
Viele Menschen wissen nichts damit anzufangen;
Ängste werden von den einen beschworen, ungeahnte Chancen von anderen
bejubelt. Beides ist richtig und beides ist nicht richtig zu fassen.
Das liegt zum einen in der Natur der Sache, zum anderen an fehlendem
Wissen und an ungeübtem Umgang.
Was in der öffentlichen Debatte auch zu kurz kommt,
ist die Frage nach der Verträglichkeit der zunehmenden Technisierung
durch mediale Geräte für das ökologische System und damit nach den
Herausforderungen an das politische System.
Mehr Technik braucht mehr Energie, immer neue Geräte
brauchen in immer kürzeren Zeitabständen mehr Ressourcen, d.h. die
Informationsgesellschaft bringt neue Probleme. Es ist eben nicht
damit getan, einzelne Verordnungen zur Entsorgung von Elektronikgeräten
oder Altautos zu erlassen. Es reicht nicht, einzelne Produkte zu
ändern. Es geht vielmehr darum, neue Vorstellungen und Visionen
zu entwickeln, die uns helfen, Bewusstsein zu verändern, und zwar
dahin gehend, dass Multimedia und Ökologie eine Einheit werden.
Das Potential haben sie.
Das fängt bereits bei der Ausbildung an, und zwar
vom Kindergarten bis zur Uni. An den Universitäten müssen z.B. die
entsprechenden Studiengänge so verändert werden, dass es keinen
Widerspruch zwischen gutem Design und ökologischer Verträglichkeit
gibt.
Viele Produkte der Informationstechnologie sind
so gestaltet, dass sie nach ihren sowieso zu kurzen Lebenszyklen
einfach weggeworfen werden ("Mülltonnenfähigkeit"). Das ist ökonomisch
gewollt. Dabei gibt es längst Möglichkeiten, z.B. Computer so zu
bauen, dass sie nur aus einem Material bestehen und schick aussehen
können. Sie sehen nicht "öko" aus.
Es muss "in" werden, ökologisch zu denken und vor
allem zu handeln. "Wir müssen raus aus der Verbotsecke, rein ins
Vergnügen und sagen: Leute, das macht Spass, das ist wunderbar...",
so umschrieb diese Woche Hardy Vogtmann, der neue Chef des Bundesamtes
für Naturschutz, sehr treffend die Aufgabe, die wir zu lösen haben.
Für die Informationstechnologie bedeutet dies,
sie so zu nutzen und einzusetzen, dass sie mit ihren unbestritten
vielfältigen Möglichkeiten dem Ziel der Nachhaltigkeit dient und
nicht neue ökologische Probleme schafft. Der Einsatz neuer Technologien
zur Steuerung von Energiesystemen, die Verbreitung von Wissen sowie
bessere Kommunikations- und Servicemöglichkeiten in unterschiedlichsten
Bereichen können alle dazu dienen, nachhaltiger zu wirtschaften.
Die Steuerung von Verkehrsströmen ist ein weiteres Beispiel für
den sinnvollen Gebrauch neuer Technologien.
Bei aller Euphorie über Neue Medien gibt es auch
Nachteile. Die Globalisierung bringt nicht nur die Vorteile in Form
von erleichterter Kommunikation über Kontinente hinweg. Videokonferenzen
begrenzen zwar auf längere Sicht den Flugverkehr und tragen so zur
Umweltentlastung bei. Zur gleichen Zeit bedeutet dies aber den Wegfall
des "warm body"-Effekts, der unbestreitbar nicht zu ersetzen ist.
Im Internet haben wir eine bisher nicht gekannte
Publikations- und Meinungsvielfalt und -freiheit. Gleichzeitig müssen
wir uns aber viel mehr und vor allen Dingen auf völlig neue Art
und Weise mit Pornographie, Missbrauch und politischem Extremismus
in diesem Medium auseinandersetzen. Auch die organisierte Kriminalität
nutzt zunehmend die Möglichkeiten neuer Technologien und Medien.
Wir müssen politisch damit umgehen.
[Schon diese wenigen Beispiele zeigen den Umfang
der schon existenten und der noch zu erwartenden Probleme. Chancen
und Risiken liegen nahe beieinander und fordern uns heraus, neue
Wege der politischen Auseinandersetzung zu suchen. Damit wird auch
deutlich, in welchem Umfang wir uns mit der angestrebten Verknüpfung
von "Informationsgesellschaft" und "Nachhaltiger Entwicklung" auseinander
zu setzen haben.]
Gerade weil die Entwicklung rasant vor sich geht,
steigt auch die Verantwortung der Politik gegenüber diesen Entwicklungen.
Wie der Präsident des World Watch-Instituts, Lester Brown, erst
letzte Woche veröffentlicht hat, haben die weltweiten Umweltprobleme
zu- und mitnichten abgenommen. Wir haben aber immer mehr Möglichkeiten,
die Neuentwicklungen der Informations- und Kommunikationstechnologie
auch hier zu nutzen. Was wir finden müssen, ist ein Weg, der mit
Mitteln der Technik zu einer verantwortlichen, zukunftsorientierten
und damit für unsere Kinder und Enkel tragfähigen Wirtschaftsweise
führt.
Hier helfen weder Verteufelung noch begeisterte
Verklärung der Informationstechnologie und der Neuen Medien. Es
ist eine sachliche Auseinandersetzung mit diesem für viele von uns
neuem Politikgebiet notwendig. In diesem Sinne ist unser Antrag
zu verstehen, der aufzeigt, was nötig ist, um zu einem adäquaten
Umgang mit diesen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu gelangen.