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Reden und Vorträge
26. Oktober 2000
 

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Rede zum Wiederaufbau des Stadtschlosses

Sehr geehrte Damen und Herren,

seit 1992 wird nun über die Gestaltung des Schlossplatzes in der Berliner Mitte diskutiert. Ohne Zweifel: dieser Ort ist ein besonderer Ort in der Hauptstadt und verdient deshalb besondere Beachtung. Schon in preußischer Zeit hatte er eine Strahlkraft über Berlin hinaus, und das Gesamtensemble der Berliner Mitte - Museumsinsel, die Linden, der Pariser Platz und das Brandenburger Tor - unterstützte diese Wirkung noch.

Seit dem Ende des Krieges, spätestens aber seit der Sprengung des Stadtschlosses ist diese Wirkung dahin. Erst die Zerstörung durch Bomben, dann die teilweise Neubebauung und -gestaltung der Mitte vom Alexanderplatz zum Brandenburger Tor veränderten das Bild völlig. Wir haben es also mit einer städtebaulichen Umwälzung zu tun, die sowohl unter historischen als auch unter architektonischen Gesichtspunkten nicht ignoriert werden kann.

Natürlich lädt der verwaiste Schlossplatz geradezu ein, sich Gedanken über dessen Gestaltung zu machen. Deshalb haben wir heute diese Debatte. Aber es kann doch nicht im Ernst darum gehen, mit historisierenden Konzepten an alten Glanz und Gloria anknüpfen zu wollen.

Das hieße, die architektonische Realitäten der letzten 50 Jahre nicht zur Kenntnis zu nehmen. Ob man nun den Palast der Republik oder den Marx-Engels-Platz mag oder nicht: sie gehören zur Geschichte der Stadt. Sie sind Ausdruck einer politischen Geschichte, die zur Geschichte des Landes gehört und insofern nicht weg zu diskutieren sind.

Das heißt aber: wenn man sich Gedanken über die Gestaltung des Schloßplatzes macht, dann ist das gesamte Umfeld dieses Geländes in die Überlegungen mit einzubeziehen. Nur so kann man der Geschichte der Berliner Mitte gerecht werden. Und nur so ist es gewährleistet, das die zukünftige Gestaltung des Schloßplatzes von der Bevölkerung auch angenommen wird. Die alleinige Rekonstruktion der historischen Kubatur mit ihrer historischen Fassade ist die falsche Lösung. Sie passt nicht mehr auf den Schlossplatz und schon gar nicht in die heutige Zeit. Der Schlossplatz in seiner jetzigen Gestalt bietet alle Chancen und Möglichkeiten einer Gestaltung, die sich an den Gegebenheiten und Erfordernissen unserer zukünftigen Lebenswelt orientiert.

Verstehen Sie mich nicht falsch: ich stelle nicht die grosse baukulturelle Bedeutung des ehemaligen Stadtschlosses in Frage.

Der Schlossplatz soll auch ein Ort der Erinnerung an die Geschichte sein. Aber gerade deshalb kann es nicht darum gehen, die Historie einfach architektonisch wieder zu beleben. Das würde weder dem Ort noch der Zeit gerecht werden. Die Gestaltung kann nur im Rahmen einer Gesamtkonzeption geplant werden, die dem gesamten Umfeld des Platzes - historisch und städtebaulich - gerecht wird. Dieser Ort kann daher nur öffentlich, demokratisch und vor allem bürgernah gestaltet werden. Nach meiner Auffassung widerspricht dies auch einer rein privaten Finanzierung. Dann wäre die Gefahr einer ausschließlich kommerziellen Nutzung viel zu gross.

Die Expertenkommission "Historische Mitte Berlins", die das Bundeskabinett bald einsetzen wird, wird darüber zu befinden haben, wie der Platz genutzt werden soll, wie welcher Bau auf der Kubatur des alten Schlosses aussehen kann und welche Finanzierungskonzepte möglich sind. Daneben soll ein städtebauliches Gesamtkonzept für die Umgebung erstellt werden.

Diese Vorgehensweise halte ich für angemessen. Der Kommission soll deshalb auch genug Zeit für ihre Beratungen eingeräumt werden. Es wäre fatal, wenn aus Zeitmangel oder wegen Zeitdrucks an dieser herausragenden Stelle in der Berliner Mitte etwas entstehen würde, das nicht im Geringsten der Bedeutung des Ortes gerecht würde.

Wir dürfen uns bei der Gestaltung des Schlossplatzes nicht unter Druck setzen lassen. Wir haben es hier mit einem politischen und kulturellen Raum im Humboldt'schen Sinne zu tun, der die Elemente von Museumsinsel, Oper und Universität ergänzen muß. Der Aspekt der Zentralität dieses Ortes und die Einbeziehung dieser Idee müssen meiner Auffassung nach die bestimmenden Elemente bei der Gestaltung und Planung sein.

Deshalb muss meiner Ansicht nach zuerst die Nutzung bestimmt werden, denn die Nutzung bestimmt auch die anschließende Architektur. Bei der Nutzung möchte die SPD-Fraktion eine vorwiegend öffentliche Nutzung erreichen. Für die öffentliche Nutzung könnte zum Beispiel eine internationale Organisation, die den Gegensatz zwischen Ost und West verbindet und in die Zukunft weist, wie z.B. die UNESCO, eine gute Institution sein.

Ein anderer interessanter Vorschlag ist der von Professor Lehmann gemachte, die Museumsinhalte aus Dahlem als Ergänzung zur Museumsinsel für die nichteuropäische Kulturgeschichte auf das Gelände in ein Nachfolgegebäude des Schlosses unterzubringen. Dieses bedeutet aber, dass es öffentliche Nutzungen sind, die zum Teil auch durch die öffentliche Hand mitfinanziert werden.

Interessant ist dabei auch die Auffassung von Professor Lehmann, dass eben auch die Dahlemer Gebäude renovierungsbedürftig wären und der Mitfinanzierung bedürften, so dass diese Gelder eingespart werden könnten und als öffentliche Gelder mit in die Erstellung eines Gebäudes im Schlossareal einfließen könnten.

Die zweite Überlegung gilt der Gestaltung des Gebäudes und der Frage der Einbeziehung der Volkskammer. Ich habe großen Respekt vor der Geschichte der Menschen in der DDR und vor denkmalgeschützten Gebäudeteilen, die historische Bedeutung haben, nämlich des Volkskammersaals. So gehört der Volkskammersaal sicherlich als ein Element mit in die Überlegung, ihn in ein wie auch immer gestaltetes Gebäude am Schlossplatz zu integrieren. Schwierigkeiten wird es sicherlich dabei geben. Die Kubatur des Schlosses zu erhalten und trotzdem den Volkskammersaal zu integrieren, aber auch das ist sicherlich architektonisch möglich, wie wir am Potsdamer Platz gesehen haben.

Die dritte Frage, die sich dann stellt, ist: soll es ein modernes Gebäude oder der Wiederaufbau des Schlosses sein? Für beides gibt es gute Argumente. Ein Wiederaufbau des Schlosses würde an die Tradition anschließen und würde das Ensemble der Museumsinsel, der Humboldt-Universität und der Oper ergänzen. Ein modernes Gebäude, das zukunftsweisend ist und vielleicht auch noch architektonisch nicht anschließt an zum Beispiel die Architektur des Potsdamer Platzes, sondern neue Wege geht, würde wiederum einen Blick in die Zukunft gestatten.

Sozialdemokraten sind ja auch immer gut für Kompromisse. Ich kann mir durchaus eine Kombination von beidem vorstellen: einen Teil des Schlosses im Bauhütteverfahren aufzubauen, einen Teil mit der Integration des Volkskammersaales modern zu gestalten. Also eine innovative Lösung für den Gesamtkomplex auf dem Schlossareal zu finden.

Wie gesagt, ich empfinde die Debatte heute nur als Anregung für die Arbeitsgruppe, für die Expertenkommission, die jetzt eingerichtet werden soll. Sie wird begleitet werden von einer Moderatorengruppe die Regierung und Parlamente der Bundesrepublik und des Landes Berlin vertritt und wir werden in den Ausschüssen - und ich bin sicher, dass das der Bauausschuss genauso machen wird wie der Ausschuss für Kultur und Medien -, die oder den Vorsitzenden oder auch einzelnen Mitgliedern der Expertenkommission, einladen, ihre Vorstellung und die Diskussion in der Expertengruppe zu hören und zu bewerten.

Denn klar ist, dass sich das Parlament letztendlich dann hinterher ein eigenes Bild machen muss und entscheiden muss, wie auch immer die Vorschläge aus der Expertengruppe dann sein werden. In diesem Sinne werden wir auch die bestehenden Anträge der F.D.P., der schon eingebracht ist, und der CDU diskutieren. Ansonsten warten wir gespannt auf die Arbeit der Kommission und die Dynamik, die sich durch die vielschichtigen Persönlichkeiten ergibt.

Vielen Dank.