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Anrede,
der Deutsch-Französische Dialog hat sich ein Thema ausgesucht, das nicht nur in aller Munde ist, sondern auf der europäischen Ebene, und damit auch zwischen Deutschland und Frankreich, ein immer wichtigeres Thema ist.
Man kann unbestritten Prozesse der kulturellen Globalisierung beobachten, doch bin ich mir über deren Wirkung und Relevanz nicht wirklich im Klaren. Deshalb finde ich, dass der Ansatz dieser Tagung, einmal zu schauen, welche Herausforderungen sich für unsere beiden Länder stellen, richtig ist. Ich glaube, dass wir innerhalb der EU viele kulturpolitische Aufgaben zu bewältigen haben.
Ich möchte dazu ein paar Stichworte nennen.
Kulturelle Diversität
Die kulturelle Vielfalt in Europa, auch innerhalb der einzelnen Länder, ist unser Reichtum. Auch sie unterliegt Einflüssen der Globalisierung, ich habe jedoch nicht den Eindruck, dass diese eine Gefahr darstellen. In Frankreich finden wir eine bestimmte Reaktionsweise auf kulturelle Einflüsse von außen, die unter dem Begriff „exception culturelle“ bekannt geworden ist. Jean-Marie Messier von Vivendi hat im Dezember 2001 verkündet, dass die „exception culturelle“ tot sei und er die kulturelle Vielfalt vorziehe. Das hat vielfältige Reaktionen hervorgerufen und zu einer großen Debatte geführt. Staatspräsident Chirac und viele andere haben darauf hin erklärt, dass das Modell der „exception culturelle“ die Basis für einen lebendigen Kulturaustausch darstellt und das richtige Mittel sei, in der sich globalisierenden Welt die Diversität der Sprachen und Kulturen zu bewahren. Ausnahme und Vielfalt stellen also keine Gegensätze dar.
In Deutschland hatten wir im Zusammenhang mit dem Zuwanderungsgesetz die Debatte um den Begriff der „Leitkultur“. Dieser Begriff ging völlig an der Sache vorbei und inzwischen hat sich die Debatte erledigt. Dennoch war dies auch eine Reaktion auf Globalisierung, auch wenn die Frage, welche Kultur wen leiten soll, die falsche Frage war. Natürlich gibt es Sitten, Gebräuche und Traditionen, die die Mehrheit einer Bevölkerung für wichtig hält und danach lebt. Damit ist aber noch keine „Leitkultur“ etabliert.
Kulturelle Identität hat nichts mit dem Beharren auf der eigenen Nation oder ähnlichem zu tun. Sie ist wichtig für die Orientierung, für die Herkunft und damit ist kulturelle Identität eine Wurzel für den Einzelnen.
Man muss bloß begreifen, dass eine solche Identität nicht etwas Statisches, Unveränderbares ist. Ebenso wie die Kultur selber, befinden wir uns in ständigen Wandlungsprozessen. Diese Prozesse werden ausgelöst durch Angehörige anderer Kulturen, die z.B. in Europa einwandern. Sie werden auch beeinflusst durch die technologische Entwicklung. Unser Umgang mit den Neuen Medien beispielsweise verändert auch unseren Umgang mit Information über andere Länder und Kulturen. Wir können viel mehr und viel leichter voneinander lernen. Das bereichert! Die kulturelle Diversität selber ist damit einer ständigen Wandlung unterworfen.
Ich glaube, dass wir in der Europäischen Union eine große Chance haben, diese Vielfalt produktiv umzusetzen, wenn wir beispielsweise in der Auswärtigen Kulturpolitik vermehrt kooperieren, gemeinsame Häuser und vielleicht sogar Schulen im Ausland errichten. Hier liegt auch die Möglichkeit, in der „Gemeinsamen Aussen- und Sicherheitspolitik“ der Kultur zu mehr Geltung zu verhelfen.
Gerade angesichts der Terroranschläge des 11. September kann eine gemeinsame internationale Kulturpolitik der EU dazu beitragen, europäische Werte wie Demokratie, Menschenrechte, Gleichberechtigung weltweit zu vertreten. Hier haben wir wirklich nichts zu verbergen! Wenn Deutschland und Frankreich, wenn die EU es schafft, Ideen, Werte, Vorstellungen als „global public goods“, als Vehikel für präventive europäische Sicherheitspolitik, zu etablieren, haben wir eine neue Qualität der internationalen Beziehungen erreicht. Das wäre ein kulturelle Globalisierung im positiven Sinne.
Gleichzeitig spricht nichts dagegen, dass kulturelle Eigenheiten und nationale Kulturpolitiken erhalten bleiben und wichtig sind. Die französische Filmförderungspolitik beispielsweise ist erfolgreich und verschließt sich deshalb nicht europäischen Koproduktionen. Gerade unsere beiden Länder haben ein erfolgreiches und eindeutiges Abkommen in diesem Bereich. In Deutschland konnten wir die Buchpreisbindung erhalten und gleichzeitig eine europäische Lösung verfolgen.
Ich finde, diese Beispiele zeigen, dass die kulturelle Diversität in Europa ein große Chance ist. Eine gemeinsame europäische Kultur im Sinne einer Vereinheitlichung wird es nach meiner Auffassung deshalb nicht geben, wobei ich auch nicht weiß, wie diese aussehen sollte. Wohl aber haben wir ein gemeinsames europäisches Erbe, das es zu pflegen gilt. Gewissen Einflüssen sind wir alle miteinander unterworfen; ich glaube aber nicht, dass diese Einflüsse zu einer Homogenisierung der europäischen Kulturen führen werden.
Dialog der Kulturen
Der vielbeschworene Dialog der Kulturen steht einerseits am Anfang und ist andererseits seit Jahrhunderten geübte Praxis. Heute hat er eine neue Qualität und neue Ziele. Ich verstehe ihn als eine Antwort auf die Herausforderungen der Globalisierung. Viele Menschen in vielen Ländern fühlen sich als Verlierer der Globalisierung, empfinden sie als ungerecht und einseitig. In Europa können Sie das an den Erfolgen und der Beliebtheit von Organisationen wie attac sehen. Es greift jedoch zu kurz, wenn nur die wirtschaftliche Globalisierung ins Visier genommen wird. Ich denke, wir brauchen einen umfassenden Dialog über die Antworten und Reaktionen auf die Globalisierung. Jedenfalls kann die Antwort nicht darin bestehen, sich dem Globalisierungsdruck anzupassen, wie dies meistens geschieht. Dabei kommt wirklich nur Ungerechtigkeit heraus, denn es bedeutet Rationalisierung, Verlagerung von Arbeitsplätzen, Jagd nach dem share holder value.
Vielmehr sollte es darum gehen, im Dialog heraus zu finden, wie wir uns den Herausforderungen stellen. Globalisierung ist kein Naturgesetz, sie ist von Menschen gestaltet und die Ängste sind ernst zu nehmen. Bundespräsident Rau hat dies in seiner Berliner Rede 2002 eindrücklich dargestellt. Er stellte u.a. folgende Fragen:
Ich zitiere:
„Wo erschließt uns Globalisierung den Zugang zu fremdem Kulturen? Und wo führt sie zu einem undefinierbaren Einerlei der Lebensstile, und dazu, dass alle das Gleiche essen und diesselben Filme sehen? Kommen wir uns nicht etwa zu nah? Gehört nicht Abstand zu den Fortschritten der Zivilisation, die Möglichkeit, Distanz zu halten?“
Das sind genau die Fragen, denen wir uns stellen müssen. Diese Fragen sind nur im Dialog zu klären, fertige Antworten gibt es nicht. Wichtig ist dabei, das wir Dialoge institutionalisieren, die auf Gegenseitigkeit, Toleranz und Vertrauen aufbauen. In der deutschen Auswärtigen Kulturpolitik haben wir das „Zweibahnstrasse“ genannt. Es soll ein Austausch in beide Richtungen sein. Ich sehe keinen „clash of civilisations“, diesen zu beschwören , halte ich für falsch und gefährlich. Wenn wir schon von Kämpfen reden, dann darum, dass wir mit und durch Kultur Konflikte vermeiden. Dabei sollten wir nie vergessen, dass die kulturelle Globalisierung völlig unterschiedliche Ausprägungen hat, je nach dem, wo in der Welt wir uns befinden. Dementsprechend werden unterschiedliche Reaktionen festzustellen sein. Diese reichen von „Verwestlichung“ über eine Synthese aus Altem und Neuem bis hin zu fundamentalistischen Reaktionen mit krimineller Energie.
Wenn wir also Dialoge initiieren wollen, dann müssen wir uns dieser Differenzierung bewußt sein. Wir werden es nicht mit Repräsentanten von Kulturen zu tun haben, sondern mit Vertretern der unterschiedlichen Richtungen und Strömungen, die innerhalb einer Kultur leben. Wir sollten also die real existierenden Kulturwelt im Auge haben, und nicht Fiktionen von homogenen Kulturen. Dazu gehört auch, dass wir Denkblockaden auflösen; nur so vermeiden wir einen gewissen Leerlauf in der Debatte um den Dialog der Kulturen.
Ich wünsche dem 4. Deutsch-Französischen Dialog, dass er zur Beantwortung der aufgeworfenen Fragen beiträgt. Unsere beiden Länder können eine Vorreiterrolle in Europa übernehmen und neue und innovative Konzepte in den internationalen Kulturbeziehungen voran bringen.
Vielen Dank.
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