ÜBERSICHT: Berliner Themen > Reden und Vorträge > 2003

Reden und Vorträge
5. Februar 2003
 

Seite 1/1

Nachhaltigkeitspolitik und Kulturpolitik -
eine Verbindung mit Zukunft?

Vortrag Fachhochschule Ottersberg
5. Februar 2003

Stand der Debatte/Entwicklung des Begriffs der Nachhaltigkeit

In der Diskussion über die „Grenzen des Wachstums“ Anfang der siebziger Jahre ist der Problemzusammenhang von ökonomischer, ökologischer und sozialer Entwicklung erstmals in aller Deutlichkeit zur Sprache gekommen. Auslöser dieser Diskussion war nicht zuletzt die „Ölkrise“, die uns allen schmerzlich bewusst gemacht hat, dass die natürlichen Ressourcen endlich sind. Inzwischen ist allgemein anerkannt, dass das weltweite Umweltproblem nur zu lösen ist, wenn dabei auch die sozialen und wirtschaftlichen Lebensverhältnisse der Menschen berücksichtigt werden.

Der Begriff der „Nachhaltigen Entwicklung“ bzw. des „Sustainable Development“ ist 1987 im Brundtlandt-Bericht der Weltkommision für Umwelt und Entwicklung geprägt worden. Erstmals ist hier der Leitgedanke eines Prinzips von Nachhaltigkeit formuliert worden, das von der Einheit ökonomischer Entwicklung, ökologischer Bewahrung und sozialen Ausgleichs ausgeht. Dem Produzieren ohne Rücksicht auf die Interessen der nachfolgenden Generationen wird das Sustainable-Development-Konzept einer "dauerhaften", "zukunftsfähigen" oder "nachhaltigen" Entwicklung entgegengesetzt.

Eine wesentliche Empfehlung der Brundlandt-Kommission war die Durchführung einer internationalen Konferenz der Vereinten Nationen zu Fragen von Umwelt und Entwicklung.

Mit der Konferenz der Vereinten Nationen für Umwelt und Entwicklung in Rio de Janeiro im Jahre 1992 ist die nachhaltige umweltgerechte Entwicklung in einer internationalen Vereinbarung völkerrechtlich festgelegt worden. Daneben ist in Rio von mehr als 170 Staaten mit der Agenda 21 ein Aktionsprogramm unterzeichnet worden, das das Nachhaltigkeitsprinzip weltweit vorbildhaft formuliert.

In der Agenda 21 werden die verschiedenen Handlungsebenen und politischen Handlungsfelder im einzelnen beschrieben, in denen das Prinzip der Nachhaltigkeit umgesetzt werden soll.

Inzwischen ist die Agenda 21 ist zu einem weltweit anerkannten Maßstab der Politik geworden. Die Themen Ökologie, Wirtschaft und Soziales werden in ihren wechselseitigen Abhängigkeiten betrachtet, zugleich werden die möglichen Lösungsansätze in einen breiten gesellschaftlichen Diskussionzusammenhang gestellt. Auch wenn kulturelle Aspekte wegen der bestehenden Unterschiede in den Kulturen nicht explizit in die Agenda 21 aufgenommen worden sind, so hat Kultur bei den Diskussionen in Rio durchaus eine Rolle gespielt.

„Nachhaltige Entwicklung“ ist seit Rio zu einem Leitmotiv der internationalen Politik geworden. Nicht auf Kosten künftiger Generationen oder der Menschen in anderen Teilen der Welt leben – das ist das wichtigste Prinzip der nachhaltigen Entwicklung. Eine ausgewogene Balance zwischen den heutigen Bedürfnissen und den Lebensperspektiven künftiger Generationen soll eine hohe Lebensqualität, den Erhalt von Natur und Umwelt, den sozialen und kulturellen Zusammenhalt und die Wahrnehmung internationaler Verantwortung in einer globalisierten Welt gewährleisten.

Diese Themen wurden auf dem "Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung" (World Summit on Sustainable Development) im September 2002 in Johannesburg debattiert. Ziel dieser Konferenz war es, zu überprüfen, inwieweit die Beschlüsse und Programme des Weltgipfels für Umwelt und Entwicklung von Rio de Janeiro (1992) verwirklicht worden sind.

In Johannesburg wurden die Fortschritte seit Rio diskutiert; außerdem wurden dort neue gemeinsame Strategien für die weltweite Umsetzung der Konzeptionen von nachhaltiger Entwicklung erarbeitet. Die Kultur wurde erstmals als Dimension der Nachhaltigkeit breit diskutiert und in die Programme aufgenommen.

Seit der Unterzeichnung der Agenda 21, dem Aktionsprogramm für das 21. Jahrhundert, sind bereits ein Reihe von Fortschritten im Rahmen der Umsetzung der Rio-Vereinbarungen erzielt worden. Woran es jedoch immer noch – trotz Johannesburg - mangelt, ist eine breite soziale und kulturelle Einbettung dieser Diskussionsprozesse. Dies betrifft zum einen die Umweltdebatte, die noch zu sehr von technisch orientierten, nur Expertenzirkeln zugänglichen Foren dominiert wird. Die kulturellen Grundlagen und Voraussetzungen dieser Prozesse werden dagegen oftmals vernachlässigt oder ausgeblendet. Die Folge ist: Nachhaltigkeit ist zwar zu einem international gebräuchlichen Schlagwort geworden, das in allen Politikfeldern Anwendung findet, gleichzeitig ist das Leitbild der Nachhaltigkeit trotz vieler politischer Deklarationen und umfangreicher Konferenzberichte für die meisten Menschen aber immer noch wenig aussagekräftig und wenig greifbar. Ob Johannesburg daran etwas grundlegend ändern wird, muss noch abgewartet werden.

 

Strategien der Nachhaltigkeit in Deutschland

Im April 2001 ist der "Rat für Nachhaltige Entwicklung" als Beratungsgremium der Bundesregierung gebildet worden. Der Rat soll eine zentrale Funktion im gesellschaftlichen Dialog zur Nachhaltigkeit wahrnehmen. Gleichzeitig hat ein Staatssekretärsausschuss für Nachhaltige Entwicklung die Arbeit aufgenommen, der die nationale Nachhaltigkeitsstrategie für die Bundesregierung in Hinblick auf Johannesburg erarbeitet und konkrete Projekte zur Umsetzung dieser Strategie formuliert hat.

Am 12. Dezember 2001 hat der „Rat für Nachhaltige Entwicklung“ in Berlin einen Workshop zum Thema „Kultur und Nachhaltigkeit“ veranstaltet. Ausgangspunkt der kontrovers geführten Diskussion war die These, dass im gegenwärtigen Nachhaltigkeitsdialog ein erhebliches Kulturdefizit besteht. Dies führt mich zu der Frage, ob Kultur wirklich eine vernachlässigte Größe in der Diskussion zur Nachhaltigkeit ist.

 

Kultur – eine vernachlässigte Größe im Nachhaltigkeitsdiskurs?

Das Prinzip der Nachhaltigkeit ist heute ein allgemein anerkanntes Kriterium für politisches Handeln auf vielen Gebieten, gleichwohl bestimmt es noch nicht überall die praktische Politik und das Verhalten der Menschen. Insbesondere von Kulturschaffenden, aber auch von Sozialwissenschaftlern wird beklagt, dass die Debatten und Auseinandersetzungen noch zu sehr auf der Ebene der Experten von Wissenschaft und Politik stattfinden. Fortschritte werden eher im konzeptionellen Bereich gesehen und weniger auf der praktischen Ebene der Politik oder in der Lebenswelt der Menschen.

Gleichzeitig sehen sie die sozialen und kulturellen Grundlagen einer nachhaltigen Entwicklung zu wenig berücksichtigt. Betont wird in diesem Zusammenhang, dass zu einer Konzeption nachhaltiger Entwicklung auch eine Kultur der Nachhaltigkeit gehöre und umgekehrt müsse auch die Kulturpolitik stärker auf die Themen der Nachhaltigkeit ausgerichtet werden.

Dies legt zunächst eine kulturpolitische Erweiterung des Nachhaltigkeitsdiskurses im Hinblick auf eine breite Definition von Kultur nahe. Ein solcher weit gefasster Begriff von Kultur beinhaltet die Gesamtheit der geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte, die eine Gesellschaft kennzeichnen. Dies schließt nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, Wertvorstellungen, Traditionen und Glaubensrichtungen. Kultur ist in dieser Sicht der Schlüsselbegriff für das Gesamtgeflecht von Verhaltensmustern, Normen und Werten, die für eine Gesellschaft die Vorstellungen von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft prägen.

Kulturelle Aspekte spielen offensichtlich in der bisherigen Nachhaltigkeitsdebatte keine zentrale Rolle. Umgekehrt hat die Ausblendung von Kultur und Kunst aus den Nachhaltigkeitsdebatten ihre Entsprechung im weitgehenden Ausblenden ökologischer Fragestellungen auf der Seite der Kulturpolitik. Für dieses kulturpolitische Defizit werden mehrere Gründe gesehen:

•  Ein Hauptproblem wird darin gesehen, dass der Schwerpunkt der Debatte auf den technischen Aspekte liegt. Die sozialen und kulturellen Grundlagen einer nachhaltigen Entwicklung werden dadurch vernachlässigt.

•  Als zweiter Mangel gilt die Verengung der Nachhaltigkeitspolitik auf umweltpolitische Maßnahmen. Der wesentliche Grund dafür wird darin gesehen, dass die Themen Nachhaltigkeit und Entwicklung in Bund und Ländern, aber auch in den Kommunen vornehmlich von den Umwelt-Ressorts bearbeitet werden.

•  Als ein weiterer Nachteil erscheint die Dominanz der Experten im Nachhaltigkeitsdiskurs. Die Folge ist: Der Rationalität, die dem Nachhaltigkeitsprinzip innewohnt, hat sich einerseits der politische Prozess nicht verschließen können, andererseits sind jenseits der Experten-Debatte die Themen von nachhaltiger Entwicklung noch relativ wenig bekannt .

Erst in jüngerer Zeit ist eine Diskussion in Gang gekommen, in der die Themen einer nachhaltigen Entwicklung (etwa die Ansätze in den Agenda 21 -Prozessen) mit ihren kulturellen Voraussetzungen und Implikationen verbunden werden. Das Ziel dieser neuen Überlegungen richtet sich darauf, das Konzept Nachhaltige Entwicklung so zu entfalten, dass es gleichberechtigt mit Ökonomie, Ökologie und Sozialem auch Kultur als zusätzliche Dimension erfassen soll. Es geht darum, die Verschränkung der Dimensionen Ökonomie, Ökologie und Soziales als kulturell-ästhetische Ausformung von Nachhaltigkeit zu verstehen und ihre wechselseitige Abhängigkeit zu berücksichtigen.

 

Ansätze zur Verbindung von Kultur und Nachhaltigkeit

Als ein wichtiger Ansatzpunkt für eine kulturelle Unterfütterung des Nachhaltigkeitsdiskurses ist die 1992 auf dem "Weltgipfel Umwelt und Entwicklung" in Rio verab­schiedeten Agenda 21 anzusehen, die für eine zukunftsfähige Entwicklung ein angemessenes Zusammenspiel von Ökonomie, Ökologie und sozialen Faktoren erkannt hat. In jüngerer Zeit sind eine Reihe von Initiativen entstanden, die die Ansätze in den Agenda 21 -Prozessen und in der Kulturpolitik verbinden wollen.

Das Konzept Nachhaltige Entwicklung soll dergestalt vertieft und weiterentwickelt werden, dass es gleichberechtigt mit Ökonomie, Ökologie und Sozialem auch Kultur als übergreifende Dimension umfaßt.

Eine der ersten Initiativen, Kulturpolitik und Nachhaltigkeitsdiskurs zu verbinden, resultiert aus den vom Öko-Institut Tirol veranstalteten „Toblacher Gesprächen“, in denen seit einigen Jahren versucht wird, die Nachhaltigkeitsdebatte zu einem Diskurs über Ästhetik, Werte, Kultur und Lebensstile zu machen.

Eine weitere wichtige Etappe dieser Diskussion war auch die UNESCO-Konferenz zu Kultur und Entwicklung von 1998, die Nachhaltige Entwicklung als Grundlage für den Erhalt und die weltweite Förderung kultureller Vielfalt erkannt hat. Diese Diskussion wurde im Verlauf der nationalen Vorbereitung auf den Weltgipfel für Nachhaltige Entwicklung im Jahr 2002 intensiviert.

Mittlerweile gibt es zahlreiche Initiativen mit dem Ziel, die Wechselbeziehung zwischen natur- und sozialwissenschaftlichen fundierten Strategien einerseits und kulturell-ästhetischer Gestaltungskompetenz weiter zu untersuchen und sie zugleich für die Weiterentwicklung der Agenda 21 nutzbar zu machen.

Ein deutliches Zeichen wurde auch im „Tutzinger Manifest“ gesetzt, das mit Blick auf die Weltkonferenz für Nachhaltige Entwicklung in Johannesburg 2002 eine strukturelle Einbeziehung der kulturell-ästhetischen Dimension in die Nachhaltigkeitsstrategien forderte. Dort heißt es u.a.: „ Das Konzept Nachhaltige Entwicklung kann und muss in der Weise vertieft und weiterentwickelt werden, dass es gleichberechtigt mit Ökonomie, Ökologie und Sozialem auch Kultur als quer liegende Dimension umfaßt. Es geht darum, die auf Vielfalt, Offenheit und wechselseitigem Austausch basierende Gestaltung der Dimensionen Ökonomie, Ökologie und Soziales als kulturell-ästhetische Ausformung von Nachhaltigkeit zu verstehen und zu verwirklichen. Eine Zukunftsperspektive kann in einer eng verflochtenen Welt nur gemeinsam gesichert werden. Globalisierung braucht interkulturelle Kompetenz im Dialog der Kulturen .“

Der Rat für Nachhaltige Entwicklung hat diese Überlegungen aufgenommen und die Kulturpolitik als einen wichtigen Eckpfeiler für eine nachhaltige Entwicklung ausgewiesen. In einem Dialogpapier stellt er u.a. fest:

„Kulturelle Grundwerte der Gesellschaft, Lebensstile, Religion und ethische Verhaltensnormen, Bildung und soziales Engagement verhelfen dem Individuum, seine geistigen und sozialen Fähigkeiten auszubilden. Die von einer Reihe internationaler Nicht-Regierungsorganisationen entwickelte Erd-Charta hebt Werte, Fähigkeiten und Wissen hervor, die für eine nachhaltige Lebensweise nötig sind. Die Fähigkeit, Probleme zu erkennen und Lösungsmöglichkeiten zu finden, nach ethischen Grundsätzen zu handeln, eigene Initiativen mit den Handlungsmöglichkeiten anderer Menschen zu verbinden – das sind wesentliche Herausforderungen der Nachhaltigkeit. Es sind auch Aufgaben für die Bildung, Ausbildung und berufliche Qualifikation.

Mit dem Gipfel von Johannesburg sind die erläuterten Erkenntnisse und Forderungen nun auch stärker in den internationalen Diskurs eingeflossen. Es kommt jetzt darauf an, sie in die Praxis umzusetzen und die Debatte in breite Schichten der Bevölkerung zu tragen.

 

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.

 

Meadows, Dennis, Meadows, Donella, Zahn, Erich, Milling, Peter (1972). Die Grenzen des Wachstums. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt.

So z.B. Jerman, Tina (Hrsg.) (2001). Zukunftsformen. Kultur und Agenda 21 . Essen: Klartext Verlag

Dies entspricht der Kulturdefinition der Zweiten Weltkonferenz über Kulturpolitik der UNESCO im Jahre 1982 („Erklärung von Mexico City“).

Wagner, Bernd (2001). Ökologische Nachhaltigkeit und Entwicklungszusammenarbeit. Kulturpolitik im Agenda-Prozess. In Tina Jerman (Hrsg.). Zukunftsformen. Kultur und Agenda 21 (43-55). Essen: Klartext Verlag.

Kurt, Hildegard, Wehrspaun Michael (2001). Kultur: Der verdrängte Schwerpunkt des Nachhaltigkeits-Leitbildes. In Tina Jerman (Hrsg.). Zukunftsformen. Kultur und Agenda 21 (79-493). Essen: Klartext Verlag.

So z.B. Wagner, Bernd (2001). Ökologische Nachhaltigkeit und Entwicklungszusammenarbeit. Kulturpolitik im Agenda-Prozess. In Tina Jerman (Hrsg.). Zukunftsformen. Kultur und Agenda 21 (43-55). Essen: Klartext Verlag.

Ursprung dieses Manifestes ist die Tagung „Ästhetik und Nachhaltigkeit“, die im April 2001 in der Evangelischen Akademie Tutzing stattfand.