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Reden und Vorträge
25. Juni 2004
 

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Auslandsschulen in der Auswärtigen Kulturpolitik
Rede anlässlich des 30-jährigen Jubiläums der Deutschen Schule Toulouse
Anrede,

„Die Auslandsschulen spielen bei der Vermittlung der deutschen Sprache und Kultur eine entscheidende Rolle.“

Dieser Satz ist ein Zitat aus einem unserer parlamentarischen Anträge zur Auswärtigen Kulturpolitik. Er hat nach wie vor Gültigkeit. Ich gratuliere der Deutschen Schule Toulouse nicht nur in diesem Sinne sehr herzlich zu ihrem Jubiläum. Auch und gerade in Frankreich gibt es trotz Elysée-Vertrag und sehr regem Austausch durch das Deutsch-Französische Jugendwerk immer noch viel zu tun.

Nur eine kleine Illustration der Realität:

Eine im Januar 2003 veröffentlichte Umfrage des Deutsch-Französischen Jugendwerkes hat ergeben, dass ausgerechnet Jugendliche, und zwar auf beiden Seiten, starke Klischeebilder vom jeweils anderen Land haben. Und das, obwohl seit 1963 ca. sieben Millionen Jugendliche am deutsch-französischen Jugendaustausch teilgenommen haben. Interessant ist dabei, dass beide Seiten die Beziehungen für „gut“ bis „sehr gut“ halten.

Ihr Wissen übereinander besteht aber tatsächlich aus Stereotypen, wie „Baguette“, Eiffelturm“ und „Käse“ auf deutscher Seite und „Zweiter Weltkrieg“, „deutsche Automarken“ und „Deutsche Küche“ auf französischer Seite.

Dieser Diskrepanz kann nur auf der gesellschaftlichen und damit schulischen Ebene begegnet werden. Das Augenmerk muss auf die Begegnungen im Alltag der Menschen gelegt werden. Nur auf dieser Basis kommen wir weg von einem zwar positiv besetzten, aber inhaltlich stark verkürztem Bild der jeweils anderen.

In der politischen Realität sieht es dagegen folgendermaßen aus:

Im Zuge der Haushaltskonsolidierung müssen wir auch im Schulbereich mit Kürzungen umgehen. Und das zu einem Zeitpunkt, zu dem nochmals von allen Verantwortlichen die Bedeutung der Auslandsschulen sowohl für den Studienstandort als auch den Wirtschaftsstandort Deutschland betont wird. Es gelang allerdings, den Schulfonds des auswärtigen Amtes in den letzten beiden Jahren zumindest zu verstetigen. Das war im Konzert der Streichungen eine kleine Harmonie.

Schauen wir uns zunächst die Fakten an:

Im Jahr 2002/2003 wurden unter dem Strich 80 entsandte Auslandslehrkräfte weniger vermittelt. Diese wurden allerdings durch qualifizierte Ortslehrkräfte ersetzt. An immerhin neun Schulen gab es darüber hinaus zusätzliche entsandte Lehrer in Ländern wie der Türkei, Nigeria und Ägypten.

Das sind für die Auswärtige Kultur- und Bildungspolitik und den Themenkomplex „Dialog der Kulturen“ keine unwichtigen Länder.

Es ist im Sinne des oben genannten Zitats und nach den Ereignissen des Herbstes 2001 sicher notwendig, sich gerade in islamisch geprägten Ländern stärker zu engagieren.

Ich bin nicht überzeugt, dass ein qualitativ hoher Unterricht an den deutschen Schulen im Ausland notwendigerweise nur von entsandten Lehrkräften geleistet werden kann, wie es insbesondere bei der Anerkennung des Abiturs von der Kultusministerkonferenz immer wieder gefordert wurde. Ich weiß, dass dies bei vielen Auslandslehrern ein sensibles Thema ist. Wir kommen aber nicht drum herum.

Vergessen Sie nicht, dass wir uns den Dialog der Kulturen auf die Fahnen geschrieben haben. Ortslehrkräfte, die beides kennen - das Leben in Deutschland und im Gastland - haben eine ganz andere Motivation, in einer deutschen Schule zu unterrichten. Sie sind sehr gut geeignet, den Schülern einen weiteren Blick zu zeigen und interkulturelle Horizonte zu öffnen.

Denn viele der Ortslehrkräfte sind ja vor Ort ansässige Deutsche, die ihrerseits den Blick von beiden Seiten haben. In diesem Zusammenhang ist auch nicht einzusehen, dass eine entsandte Lehrkraft ein Vielfaches an Gehalt gegenüber dem einer Ortskraft erhält. Das Gehalt muss stärker nach Angebot und Nachfrage, aber auch nach Attraktivität und Sicherheit des Schulstandortes ausgerichtet werden.

Die Auslandsschulen werden immer mehr – auch durch die geringere Entsendung von Firmenkräften - zu Begegnungsschulen. Gerade das sollten wir auch fördern. Eine stärkere Kooperation der europäischen Länder und der Träger von Auslandsschulen ist zusätzlich nötig, um mehr Eurocampus-Schulen zu entwickeln. , wie das auch hier in Toulouse geplant ist und dem Geist der Zeit entspricht. Wir haben gerade letzte Woche die europäische Verfassung beschlossen, die aber noch in den Ländern umgesetzt werden muss. Dann schaffen wir es, dem amerikanischen Angebot ein europäisches entgegen zu setzen und aktiv Studenten und damit Eliten aus ihren jeweiligen Ländern eine Anbindung an Deutschland und Frankreich und Europa zu bieten.

Insbesondere in Schwellen- und Entwicklungsländern können durch eine intensivere Zusammenarbeit mit Vertretern der deutschen Wirtschaft die berufsbildenden Zweige ausgebaut und damit eine erhöhte lokale Nachfrage nach Absolventen des dualen Systems angeregt werden. Das wäre meiner Auffassung nach ein Schritt in die richtige Richtung und ein gutes Beispiel für „public-private-partnership“ in der Auswärtigen Kulturpolitik.

Kommen wir zu einem zentralen Anliegen der Auswärtigen Kulturarbeit im allgemeinen und der Schulen im besonderen:

Die Förderung der deutschen Sprache im Ausland ist nach wie vor eine der höchst dotierten Einzelaufgaben der Auswärtigen Kulturpolitik. Auch wenn die Nachfrage nach Deutschunterricht weltweit stark bleibt und in einigen Ländern sogar steigt, so wird Deutsch immer mehr vom Englischen verdrängt. Auch in Frankreich hat die Zahl derer, die Deutsch lernen, erheblich abgenommen!
Vor diesem Hintergrund haben wir das Ziel, Deutsch respektive Französisch international als eine zweite Fremdsprache zu etablieren. Die Konzentration der zur Verfügung stehenden Ressourcen auf Schwerpunktregionen wie z.B. die mittel- und osteuropäischen Staaten und der GUS sowie Multiplikatoren in anderen Ländern hat nach wie vor Priorität.

Die Begegnung der Kulturen ist die Chance des 21. Jahrhunderts. Im Zeitalter der Globalisierung bietet die Kommunikation zwischen den Kulturen die Chance für friedliche Kooperation, für Konfliktvermeidung und verständnisorientierten Dialog. Über Sprache versteht man Kultur. Nicht umsonst heißt übersetzen auf französisch „interpréter“.

Dies ist dem Deutschen Bundestag eine besondere Verpflichtung. Der gegenseitige Austausch, das Verstehen des Anderen, der Respekt vor anderen Kulturen, Gebräuchen und Sitten, das gegenseitige Geben und Nehmen, also die im Jahr 2000 verabschiedete Konzeption 2000 mit dem Ziel der „Zweibahnstrasse“, ist der Weg, der in Zukunft verstärkt in der internationalen Zusammenarbeit gegangen werden muss. Das gilt nach meiner Auffassung auch für die Schulen, die die Grundlage für junge Leute sind, eine Anbindung an Deutschland zu haben, in Deutschland zu studieren oder später dann auch wirtschaftliche Investitionen in Deutschland zu haben.

Es muss in der Auswärtigen Kulturpolitik verstärkt darum gehen, die Zivilgesellschaft, ihre Institutionen und vielfältigen Verbindungen und Netzwerke als Basis der internationalen Kulturbeziehungen zu fördern.

Die deutschen Auslandsschulen spielen hierbei die Rolle der „ersten Instanz“. Hier kommen junge Menschen – vielfach zum ersten Mal – in Kontakt mit Deutschland und seiner Kultur. Deshalb sind die Schulen der Türöffner für die Auseinandersetzung mit Deutschland und allem, was es ausmacht und wirken prägend für die Sozialisation – auch in der Frage des Studiums, ob Schüler sich für Europa oder die USA entscheiden.

Die Vielfalt der Kulturen muss als Ressource der Auswärtigen Kulturpolitik und damit auch der Auslandsschulen betrachtet werden. Deshalb sind Begegnungsschulen und Euro-Campus-Schulen so wichtig. Neben dem Kostenargument bieten sie die Chance zu einem wirklichen Austausch. Hier bestehen neue Möglichkeiten des deutschen Auslandsschulwesens. Wenn schon die Goethe Institute Partnerschaften mit europäischen Ländern eingehen, gemeinsam Häuser und andere Ressourcen nutzen, Personal mit dem Auswärtigen Amt austauschen und sich auch sonst viel einfallen lassen, um den Kostendruck kreativ umzusetzen, dann sehe ich nicht, warum das bei den Schulen nicht auch gelingen soll.
Ich glaube, dass auf diese Weise die Folgen der allgemeinen Sparpolitik im Schulfonds aufgefangen werden können. Ich glaube auch, dass es wichtig und richtig ist, dass die Auslandsschulen nicht nur – wie auch immer – auf Deutschland vorbereiten und Wissen über Deutschland vermitteln, sondern das es in der Zukunft viel mehr darauf ankommt, dem Prinzip der „Zweibahnstrasse“ gerecht zu werden. Der Bergriff „Begegnungsschule“ müßte deshalb eigentlich zu „Begegnungs- und Austauschschule“ erweitert werden.

Hier liegt der eigentliche Kern deutscher Auslandsschularbeit:

junge Menschen zu verantwortlichen, kulturell übergreifend denkenden Personen heranzubilden, bei denen Verantwortung und Toleranz lebendig erlebte Begriffe sind. Deshalb halte ich die Form der Begegnungsschule für wichtig. Weitere Gründe sind, entsprechend ausgebildete Menschen für deutsche Unternehmen zu schulen oder emotionale Bindungen an Deutschland zu schaffen und seien es 20.000, 60.000 oder wie andere behaupten 180.000 Jobs in Frankreich oder Deutschland, die nicht besetzt werden können, weil die jeweils andere Sprache in Frankreich und Deutschland nicht beherrscht wird, ist das noch ein weiterer Ansporn. Und da sehe ich, dass hier schon früh Notwendigkeiten erkannt wurden. Sonst gäbe es ja die Schule hier nicht schon 30 Jahre und sonst wäre auch nicht das Bestreben da, jetzt eine Eurocampus-Schule einzurichten.

Ich plädiere also dafür, dass die Gesamtrichtung der Auswärtigen Kulturpolitik, nämlich die dialogische Ausrichtung der Politik, in den Schulen anfängt. Dies müssen wir weiter unterstützen. Allerdings geht es hier um Fragen der Qualität und nicht nur um Quantität.
Natürlich ist auch die Qualität wichtig und nur mit engagiertem und qualifiziertem Personal zu halten. Aber mir ist noch nicht bange um die gute Arbeit der Auslandsschulen. Auch in wirtschaftlich schwierigen Zeiten haben die Lehrer der Auslandsschulen immer hohes Engagement gezeigt und waren immer bereit und in der Lage, durch ihren persönlichen Einsatz Entwicklungen aufzufangen.
(oft habe ich mir in diesen Einsatz, den ich in vielen deutschen Schulen im Ausland gesehen habe, auch in anderen Arbeitsbereichen in Deutschland gewünscht).

Und mir ist auch nicht bange bei den engagierten Schulvereinen, die Gott sei Dank auch noch von Eltern und örtlichen Firmen getragen werden – ohne die geht es nicht und dafür hier auch mein aufrichtiger Dank!

Aber deutsche Auslandsschulen sind nicht nur für die Unterstützung der deutschen Wirtschaft da. Trotz aller hier und da notwendigen und richtigen Kooperation mit Unternehmen sind die deutschen Schulen Botschaften für Deutschland, für seine Kultur, seine Geschichte, seine Politik und seine Gesellschaft. Sie haben einen Bildungs- und einen Ausbildungsauftrag. Sie sind Kulturvermittler und das müssen sie auch bleiben.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.