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Reden und Vorträge
17. Dezember 2004
 

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Plenarrede zur Selbstverpflichtung
Anrede,

Im März dieses Jahres bekam die junge Band „Wir sind Helden“ drei der begehrten Echo-Auszeichnungen. Die Folge war viel Erstaunen, denn nur wenige scheinen mit dem Erfolg der damals noch ziemlich unbekannten Band gerechnet zu haben. Das lag zum großen Teil daran, dass man in Radio und Fernsehen fast nichts von der Gruppe hören und sehen konnte, obwohl sie zu den besten deutschen Nachwuchsbands gehört.

„Wir sind Helden“ sind nur ein Beispiel aus einer großen Anzahl von erstklassigen Künstlern in Deutschland, die im Rundfunk eine nur sehr untergeordnete Rolle spielen.

Wie kann es aber sein, dass Musiker wie Inga Humpe, Max Herre, Till Brönner oder Veronika Fischer regelmäßig große Konzerthallen füllen, aber Radio und Fernsehen sie zu ignorieren scheinen?

Die in Deutschland produzierte Rock- und Popmusik macht im Radio insgesamt nicht mehr als 20 Prozent aus. Titel mit deutschen Texten werden sowieso noch viel weniger gespielt. Man muss sich das mal bewusst machen: Bei einer Vielzahl der Sender besteht das Programm aus einer Rotation von nur 40 Titeln und davon ist im Schnitt nur ein Prozent aus Deutschland.

Die Zahlen für die Öffentlich-rechtlichen sehen zwar besser aus als für die Privaten, doch auch hier ist der Anteil noch zu gering. Nicht nur der öffentlich-rechtliche Rundfunk hat einen Kulturauftrag zu erfüllen. Vorraussetzung für die Erteilung der privaten Lizenzen ist in vielen Fällen ein ausgewogenes Programm. Wenn die Hörer davon nichts mehr finden, ist es nur richtig, wenn sie und wir danach fragen.

In Großstädten mag das Problem nicht so stark auffallen, weil es ein breites Senderspektrum gibt. Doch, wenn ich im Auto durch meinen Landkreis fahre, höre ich nicht viel von der wunderbaren Vielfalt an Musik, die wir haben. Und dass wir die haben, weiß ich als Vorsitzende des Ausschusses für Kultur und Medien nun wirklich genau. Ich weiß, einige sagen Qualität setzt sich durch. Aber dafür müssen wir als Hörer auch die Möglichkeit geben Qualität wählen zu können.

Wir möchten mit unserem Antrag erreichen, dass sich alle Sender dazu verpflichten, zukünftig einen Anteil von annähernd 35 Prozent deutschsprachiger bzw. in Deutschland produzierter Musik im Programm zu haben. Dabei sollten mindestens 50 Prozent der Titel Neuerscheinungen sein, wodurch Nachwuchsmusiker endlich eine größere Chance bekommen von sich hören zu lassen.

Meine Damen und Herren: Es gibt eine Vielzahl ausgezeichneter Musik in diesem Land. Diese muss sich in einer möglichst breit gefächerten Auswahl an Titeln und Künstlern in den Programmen widerspiegeln. Außerdem sind auch spezielle Sendeformate oder Wettbewerbe eine Möglichkeit zur Förderung unserer reichhaltigen Musiklandschaft.

Die Initiative „Musiker in eigner Sache“, in der sich neben Jim Rakete, Udo Lindenberg, der Band Pur, Xavier Naidoo oder der Gruppe Rosenstolz insgesamt über 500 Musiker engagieren, hat einen tollen Anfang gemacht. Sie waren diejenigen, die das Thema in die Öffentlichkeit getragen haben, wodurch die Diskussion in Gang gekommen ist.

Im September haben wir vom Ausschuss für Kultur und Medien mit der Enquetekommission „Kultur in Deutschland" den Impuls aufgegriffen und eine gemeinsame öffentliche Anhörung zu dem Thema durchgeführt. Eine gelungene Veranstaltung, bei der deutlich geworden ist, dass sich die Meinungen von Befürwortern des höheren Anteils an deutschen Musiktiteln mit den Auffassungen der Rundfunkvertreter eher ergänzen als ihnen entgegenstehen. Die Sender versuchen herauszufinden, welche Musik ihr Publikum gern hören möchte. Und die Musiker merken, dass das Interesse an ihrer Musik weitaus höher ist als ihre Repräsentanz im Radio.

Dazu kommen mehrere Umfragen, die gerade in der letzten Zeit zeigen, dass sich die Mehrheit der Bevölkerung eine größere Vielfalt bei deutschsprachiger und in Deutschland produzierter Musik im Rundfunk wünscht. Das zusammen ergibt doch ein klares Bild. Es ist ein Appell an die Sender, für dessen Umsetzung eine Selbstverpflichtung genau der richtige Weg ist. Erste Schritte gibt es bereits. Der Anteil wurde bei einigen Sendern leicht erhöht.

Ich bin sicher, dass so eine Regelung nicht nur Vorteil für Hörer und Musiker bedeutet. Sie ist auch eine Chance für die Sender. Statt eines Bestandes von nur wenigen, oft wiederholten, internationalen Musiktiteln können die Sender mit einem größeren nationalen Repertoire eine stärkere Rolle für die kulturelle Vielfalt spielen. Davon profitieren sie selbst.

Mehr Musik aus dem eigenem Land kann wirklich ein Erfolg sein. Das zeigt auch das Beispiel Frankreich. Nachdem dort 1994 durch die eingeführte Quote der Anteil von französischer Musik im Rundfunk auf 40 Prozent wuchs, stiegen auch die nationalen CD-Verkäufe stark an. Der Rundfunk blieb populär und konnte viel stärker ein eigenes Profil gegenüber den amerikanischen Formaten herausbilden. Fast alle französischen Sender freuen sich seit 1994 über einen starken Hörerzuwachs.

Die angemessene Beachtung der nationalen Kultur hat auch wirtschaftliche Vorteile. Während der Krise der Musikindustrie blieb Frankreich gerade durch den großen Anteil an nationalen Produktionen vom Schlimmsten verschont. Erst in diesem Jahr verzeichnen auch sie einen Umsatzrückgang, wo er bei uns schon seit 1999 herrscht.

Ein Mehr an deutschsprachiger und in Deutschland produzierter Rock- und Popmusik motiviert also auch die Musikfirmen, nach ihren drastischen Einsparungen bei deutschen Künstlern, endlich wieder mehr Potential in nationalen Bands und Musikern zu sehen. Denn bei allen Vorteilen ist die Förderung von jungen Künstlern immer noch das zentrale Ziel des Antrages.

Natürlich will und kann der Deutsche Bundestag nicht über eine Quote, wie es sie in Frankreich gibt, bestimmen. Ich glaube auch, dass es der beste Weg ist, wenn sich die Sender untereinander einigen. So können die Verantwortlichen selbst ihre Schwerpunkte setzen und zeigen, dass sie aktiv ihrer Rolle als Vermittler von Kultur gerecht werden.

Damit die Forderungen, die wir mit dem heutigen Antrag formulieren, nicht im Sande verlaufen, soll es in einem Jahr eine Überprüfung der Selbstverpflichtung geben. Ich hoffe, dass wir dann eine musikalische Vielfalt im Rundfunk hören und sehen, die unsere sehr gute und bunte Musikmischung in Deutschland endlich angemessen repräsentiert.

Deshalb lassen Sie uns hier ein gemeinsames Zeichen für die Musik und die Künstler in Deutschland setzen!

Vielen Dank.