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Reden und Vorträge
26. Februar 2005
 

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Zukunft der Arbeit
Menschliche Tätigkeit, menschliche Kreativität und Teilnahme an gesellschaftlichen Prozessen ein Leben lang.

Mehr als fünf Millionen Menschen in Deutschland sind zur Zeit arbeitslos.

Um der Arbeitslosigkeit entgegen zu wirken, werden Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen, Maßnahmen zur Verringerung der Lebensarbeitszeit, Beschäftigungsanreize, Niedriglohnjobs etc. diskutiert.

Immer mehr Arbeitsplätze gehen im globalisierten Wettbewerb verloren.

Dabei weisen die Unternehmen Rekordgewinne aus. Vom Produktivitätsfortschritt profitieren immer mehr die Kapitaleigner in den Unternehmen. Auch die Rationalisierungsfortschritte im Dienstleistungsbereich gehen auf Kosten der Beschäftigung. Während gleichzeitig das Dienstleistungsgewerbe hohe Gewinne erwirtschaftet, werden tausende von Menschen „freigesetzt“. Das zynische, schamlose Verhalten der Deutschen Bank ist dabei nur ein Beispiel.

Ein langer gesellschaftlicher Prozess ist notwendig, um eine Verständigung über die Zukunft menschlicher Tätigkeit zu erzielen.

Tätigkeit, die der Menschenwürde gerecht wird. Tätigkeit, die gleichermaßen den Sozialsystemen förderlich ist, wie auch unsere natürlichen Lebensgrundlagen erhält. Es ist notwendig den Stellenwert menschlicher Tätigkeit neu zu definieren, da die bisherigen Modelle nicht länger finanzierbar sind und zu Massenarbeitslosigkeit führen.

Die Diskussion hat erst begonnen. Veröffentlichungen wie „Das Methusalemkomplott“ oder Beschlüsse zur Erhöhung des Rentenalters sind Anzeichen dafür, dass die Problematik mehr und mehr verstanden wird. Dabei ist von einer alternden Gesellschaft die Rede. Die sogenannte demographische Entwicklung wird als schwerwiegende Bedrohung dargestellt.

Langes Leben und wenig Kinder

Es gibt zwei Kräfte, die die Bevölkerungsstruktur in Deutschland verändern. Erstens werden die Deutschen immer älter und zweitens gibt es in Deutschland zu wenig Kinder.

Diese zwei Herausforderungen möchte ich im folgenden erörtern.

Lange zu leben – das ist nicht das weit entlegene Privileg zukünftiger Generationen, sondern das ist das sehr wahrscheinliche Schicksal der meisten Deutschen, die heute am Leben sind. Wir alle leben länger und das ist eine weit verbreitete Tatsache. Die Hälfte der 60jährigen in diesem Raum wird sicherlich 88 Jahre alt werden. Die meisten 30jährigen in diesem Raum werden wahrscheinlich bereits 95 Jahre alt. Ein Baby, das dieses Jahr in Deutschland geboren wird, wird mit mehr als 50prozentiger Wahrscheinlichkeit im nächsten Jahrhundert seinen 100jährigen Geburtstag feiern können. Frauen haben bessere Chancen, älter zu werden als Männer, aber Männer und Frauen zusammen können davon ausgehen, dass sie länger leben als ihre Eltern und ihre Großeltern.

Die Anzahl der Älteren in der Bevölkerung wird viel stärker steigen, als die offiziellen Zahlen es glauben machen wollen. Diese Personengruppe hat besondere Bedürfnisse. Deshalb muss in vielen Bereichen umgesteuert werden: Mit der Gesundheitsvorsorge und den Bereich der Rente sind sicherlich zwei wichtige Felder genannt, bei denen Reformen angegangen werden müssen.

In Deutschland gibt es zu wenig Kinder. Die Geburtenrate ist zu gering. Normalerweise müssten Männer und Frauen zwei Kinder zur Welt bringen, um die nachfolgende Bevölkerung zahlenmäßig zu erhalten. Doch bereits ungefähr ein Viertel aller Deutschen hat keine Kinder bekommen – aus welchen Gründen auch immer.

Es braucht 20 bis 30 teure Jahre der Bildung und Ausbildung, bevor ein Kind eine produktive Arbeitskraft werden kann. Und das heißt, dass in den nächsten 20 bis 30 Jahren ein Mangel an gut ausgebildeten Arbeitskräften herrschen wird, weil viele erfahrene Arbeitskräfte ausscheiden und neue fehlen: Diese drei Jahrzehnte der niedrigen Geburtenraten werden noch 30 Jahre lang ihre Auswirkung haben.

Alternde Gesellschaft? – Die Gesellschaft war noch nie so jung!

Die Lebenserwartung lag 1878 bei Einführung des Rentenalters von 65 für Männer und Frauen deutlich unter 40 Jahren. Selbst bereinigt um die Kindersterblichkeit und andere Faktoren war die mittlere Lebenserwartung deutlich geringer als die 45 Jahre. Nimmt man den Anteil derer, die damals das Rentenalter von 65 erreichten als Grundlage für heutige Betrachtungen, so würde ein vergleichbarer Anteil der Bevölkerung, der das Rentenalter erreicht, heute zu einem Rentenalter von über 90 Jahren führen. Das heißt, die Erreichung des Rentenalters war eher die Ausnahme und nur einem kleineren Teil der Bevölkerung vorbehalten.

Vor diesem Hintergrund wird deutlich, dass das Lebensalter eines heutig 60-jährigen etwa einem Lebensalter eines 35-jährigen vor 120 Jahren entspricht. Diese demographische Entwicklung führt dazu, dass immer mehr Menschen einen immer größeren Anteil ihres Lebens im Ruhestand verbringen. Betrachtet man den Gesundheitszustand, die körperlichen und geistigen Fähigkeiten der Menschen über 65, so bedeutet dieser „Ruhestand“ einen drastischen Verlust an Gestaltungs- und Handlungsmöglichkeiten für die Gesellschaft. Ein allmähliches Ansteigen des Rentenalters, wie es Vorschläge aus der Rürup-Kommission gab, kann letztlich keine Lösung sein, da der Fortschritt der Produktivität einseitig ausschließlich der Kapitalseite zugute kommt, während gleichzeitig die Altersvorsorge privatisiert werden soll. Eine neue Betrachtung menschlicher Aktivität erscheint deshalb unumgänglich.

Ausgehend von traditionell schwierigen Arbeitsbedingungen, die heute noch in vielen Bereichen industrieller und handwerklicher Tätigkeit bestehen, wird Arbeit als Belastung begriffen; nicht als Gestaltungs- und Beteiligungsmöglichkeit. Der industrielle Produktivitätsfortschritt führt zur „Freisetzung“ von immer mehr Menschen, die dann auf Kosten der Arbeitnehmer finanziert werden soll. Eine Verarmung von immer breiteren Bevölkerungsschichten und eine Entsolidarisierung erscheinen damit fast unvermeidbar.

Lebenslange Tätigkeit als Alternative

Eine Umwertung ist erforderlich. Menschliche Aktivität für Soziales, für Umwelt und für traditionelle Erwerbstätigkeit müssen als gleichrangig verstanden werden. Es sind Chancen der Beteiligung an gesellschaftlichen Prozessen und Entscheidungen. Es scheint deshalb augenfällig, dass Menschen, solange sie gesund sind, tätig sind. Dabei müssen alle Dimensionen menschlicher Tätigkeit gleichrangig betrachtet werden. Sozialarbeit, Kindererziehung, Pflege von Alten und Kranken ist genauso wichtig wie traditionelle Erwerbsarbeit. Tätigkeit zum Schutz der Umwelt und Natur, zur Erhaltung der Artenvielfalt ist ebenso existenznotwendig.

Man kann sich vorstellen, vorausgesetzt jedes zweite jetzt geborene Mädchen wird 100 Jahre alt, dass das Leben auch zu dritteln sein könnte: Ein Drittel traditionelle Erwerbsarbeit, ein Drittel Sozialarbeit und ein Drittel Umwelt- und Naturschutzarbeit für alle Menschen solange sie gesund sind. Selbstverständlich bedeutet dies auch einen lebenslangen Urlaubsanspruch und einen Anspruch auf lebenswürdige Lebensverhältnisse. Die von verschiedener Seite in die Debatte gebrachten Lebensarbeitszeitkonten könnten ausgeweitet werden. Denn Sozial- und Kulturarbeit sind nur in einem äußerst begrenzten Rahmen rationalisierbar, d.h. im Zeitaufwand verkürzbar. Es braucht Zeit für Kinder, es braucht Zeit für die Betreuung von Kranken oder Älteren.

Wenn es gelingen soll, 10 Milliarden Menschen auf der Erde zu ernähren, dann muss erreicht werden, dass die Landwirtschaft weit produktiver ist. Die industrielle Landwirtschaft kann dies nicht ausschließlich leisten. Weit produktivere Systeme sind Systeme mit einer Gartenlandwirtschaft, wie sich dies bereits in China gezeigt hatte. Gartenarbeit lässt sich mit Fitness, mit Entspannung, mit Lernen in Zusammenhängen zu denken, mit Hochwasser- und Erosionsschutz verbinden. Dieses Modell menschlicher lebenslanger Aktivität mit gesellschaftlich notwendigen Aufgaben wie Betreuung von Jugendlichen, das Sporttraining, das Schwimmen lehren, das Engagement in sozialem Kontext insgesamt wird wieder finanzierbar. Wenn wir in dieser Systematik denken, werten wir nicht mehr die Arbeit mit Maschinen höher als die mit Menschen. (Noch immer ist es so, dass ein Werkzeugmacher das Dreifache einer Kindergärtnerin verdient, obwohl wir Bildung für das zentrale Element halten!) Kulturelle, soziale, ökologische und andere Aktivitäten helfen insgesamt der Gesellschaft kreativ und innovativ zu sein, und damit auch die Erwerbsmöglichkeiten auf dem Weltmarkt zu sichern.

Der erzielte Produktivitätsfortschritt (immer weniger mechanische Arbeit für immer mehr Produkte) kann so tatsächlich gesellschaftlich, sozial und ökologisch und kulturell sinnvoll genutzt werden. Ein solches Modell setzt einer notwendigen Globalisierung eine gestaltete Regionalisierung gegenüber. Das Modell einer lebenslangen Aktivität steht nicht im Widerspruch zu ehrenamtlicher Tätigkeit heutiger Prägung. Vielmehr wird diese Tätigkeit dadurch hervorgehoben und gesellschaftlich auch in einer materialisierten Welt anerkannt. Bei einer pragmatischen Betrachtungsweise entstehen somit Erwerbsmöglichkeiten und 1-Euro-Jobs für alle. Familien als Kleineinheiten würden damit nicht länger überlastet sondern gesellschaftlich integriert. Die Verantwortung für Kinder und für Alte wird nicht länger an Kleinstgruppen abgeschoben. Die Förderung von Benachteiligten, die Betreuung von Behinderten und Kranken wird damit zur selbstverständlichen gesellschaftlichen Aufgabe.

Die Frage, die sich in der praktischen Umsetzung stellt, ist: Handelt es sich um ehrenamtliche Tätigkeit, die jeder nach seiner Pensionierung/Verrentung macht oder ist es eine Weiterentwicklung der 1-Euro-Jobs für alle, die z.Z. unter den Titel „erwerbslos“ fallen oder bewerten wir alle Tätigkeiten so gleichwertig, dass es irgendwann keine klassische Rente oder klassische Arbeitslosigkeit mehr gibt sondern nur Einkommen aus privaten oder öffentlichen Tätigkeiten, solange man fähig ist, tätig zu sein?

Unsere Programmdebatte ist nötig, um auch über Hartz IV, Gesundheitsreform und Reform der Rentenversicherung hinaus, Ziele zu entwickeln.