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Mit der Politik ist es im Moment
wie mit dem Wetter: es fühlt sich kälter an, als es eigentlich ist.
Der "wind chill" täuscht uns. Viele Menschen glauben, sie seien
von der Politik getäuscht worden, sie haben das Gefühl, dass ihnen
der Wind voll ins Gesicht bläst. Neulich ging ich in Buchholz über
den Markt und werde von einem der Standbesitzer mit folgenden Worten
begrüßt: "Da kommt die Frau, die uns das Geld aus der Tasche zieht".
Ich habe geantwortet, dass wohl schon vergessen sei, dass es 1998
4,6 Mio. Arbeitslose gab und wir heute weniger haben. Es wurde damals
auch nur durch die Erhöhung der Mehrwertsteuer verhindert, dass
der Rentenbeitrag nicht von 20,3% auf über 21% stieg. Und wir hatten
einen Eingangssteuersatz von 25,9% (heute: 19,9%) und einen Höchstsatz
von 52,9% (heute: 48,5%). Die Kohl-Regierung hatte die Zuzahlung
für Medikamente erhöht, das Rentenniveau auf 63% absenken wollen
und den Zahnersatz für nach 1975 Geborene sowie die Lohnfortzahlung
im Krankheitsfall, das Schlechtwettergeld und den Kündigungsschutz
gestrichen. Da behaupte noch einer, den Menschen gehe es schlechter!
Ich will damit folgendes sagen: auch wenn viele es so empfinden,
so kann ich nicht bestätigen, dass es uns objektiv schlechter geht.
Subjektiv gesehen, tut es natürlich immer weh, von Gewohntem Abschied
nehmen zu müssen, sich auf neue Gegebenheiten einzustellen, mal
flexibel und solidarisch sein zu müssen. Was ist denn die Alternative?
Dass es so weiter geht, wie bisher? Wohl kaum. Sicher, vieles hätte
man eher wissen können und auch kommunizieren sollen, aber hätte
das etwas an den Reaktionen geändert? Unser Gesundheitssystem braucht
nun einmal dringende Reformen; so gut es auch ist, es ist einfach
nicht mehr zu bezahlen. Wir wollen ja schließlich alle keine Zustände
wie sie teilweise in den USA herrschen, wo ca. ein Drittel der Bedürftigen
nicht behandelt werden kann oder wie in Großbritannien, wo bestimmte
Operationen, wenn überhaupt, nur nach langen Wartezeiten durchgeführt
werden. Mich erreichen beispielsweise viele empörte Briefe von Apothekerinnen
und Apothekern, die sich über das sog. "Vorschaltgesetz" beschweren.
So sehr ich die Situation der Einzelnen nachvollziehen kann, so
wenig bin ich bereit, mich dafür beschimpfen zu lassen, dass wir
versuchen, notwendige Änderungen herbei zu führen. Vor allen Dingen
führt es völlig an der Realität vorbei, wenn die Einbußen der Apotheker
mit einer Diätenerhöhung der Abgeordneten von 1,9% aufgerechnet
werden. (Im übrigen habe ich als Abgeordnete durch die Vergrößerung
meines Wahlkreises und der damit zusammenhängenden Verlängerung
der Wege und einer Verdopplung der Kosten für Wahlkreisbüros und
-aktivitäten einen Sparbeitrag geleistet). Nicht zuletzt dienen
alle Maßnahmen einer schnellen "Ersten Hilfe" und bringen mit den
Vorschlägen der Rürup-Kommission langfristig die Stabilität, die
wir bei der bevorstehenden Osterweiterung der EU brauchen. Es liegt
ja auf der Hand, dass diese Erweiterung sicherheitspolitische, vor
allem aber wirtschaftliche Vorteile auch für Deutschland bringen
wird. Im "Spiegel" dieser Woche wird sehr eindringlich beschrieben,
wie die immer noch stark exportorientierte deutsche Industrie die
Osterweiterung durch den Aufbau neuer Märkte, von denen wir alle
profitieren, bereits vorweg genommmen hat. Hier liegen unsere Chancen,
auch unser Gemeinwesen wieder zu stabilisieren. Nutzen wir sie gemeinsam
und reden wir sie nicht kaputt!
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