Letzten Sonntag war Muttertag. Deutlich
zu sehen besonders in den Anzeigen von Restaurants, die den gestressten
Müttern eine Auszeit von ihren „Küchenpflichten“ versprachen und
mit familienfreundlichen Angeboten lockten. Ein Tag – von 365! Denn
normalerweise, machen wir uns nichts vor, sind Kinder in Gaststätten
nicht gerne gesehen – außer vielleicht bei McDonald’s. Das erklärt
vielleicht auch den großen Erfolg der neuen Filiale in Dibbersen.
24.000 Gäste in einer Woche! Doch was ist das für eine Gesellschaft,
die sich auf der einen Seite beklagt, dass die Rentenbeitragszahler
weniger werden, aber auf der anderen Seite in der Regel genervt
reagiert, wenn Kinder auftauchen? Die Befürchtungen sind, dass im
Jahre 2050 nur noch 55 Millionen Menschen in Deutschland leben werden.
Kein Wunder, wenn nur 9,4 Kinder auf 1000 Einwohner geboren werden
(EU: 10,8). Junge Frauen haben größere Probleme, nach ihrer Ausbildung
fest angestellt zu werden (wegen des Geburtsrisikos!). Deutschland
leistet sich da eine volkswirtschaftliche Verschwendung, denn eine
Ausbildung kostet Geld und qualifizierte Arbeitskräfte fehlen an
vielen Stellen. Und Frauen machen in der Regel die besseren Schul-,
Studien- und Lehrabschlüsse. Doch dann kommt das andere Problem:
bekommt eine Frau dann doch – ausnahmsweise – ein Kind (zwei und
mehr Kinder sind noch rarer), kann sie sich im Zweifel in die Sozialhilfe
verabschieden.
Betreuungsmöglichkeiten wie in anderen
europäischen Ländern sind rar, auch im Landkreis Harburg. Obwohl
die Bundesregierung vier Milliarden Euro für Ganztagsschulen zur
Verfügung stellt und im Landkreis vier Schulen eingerichtet werden
könnten, hat nur die Gemeinde Elbmarsch einen Antrag gestellt. Und
wie sieht es mit dem neuen Programm für Kinder unter drei Jahren
aus? 1,5 Milliarden Euro stehen zur Verfügung, Anträge aus dem Landkreis
Harburg? Viele argumentieren, die Kinder bräuchten keine außerhäusliche
Betreuung, weil die Mutter das wichtigste sei. Aber bei vielen Einzelkindern
bleibt das soziale Lernen auf der Strecke, wir entwickeln uns zu
einer Gesellschaft von Einzelkämpfern und Ich-Menschen. Zusammen
Mittag essen und Schularbeiten machen mit Gleichaltrigen, in einem
Chor oder einer Sportgemeinschaft üben, hilft dem Zusammenleben
aller. Und noch ein Aspekt: viele Paare wünschen sich zwar ein Kind,
bekommen aber keines (Schätzungen gehen auf 20%). Sie hoffen auf
künstliche Befruchtung. Aber: nur bei 7% aller Fälle wirkt dieses
aufwendige, für die Paare häufig belastende Verfahren. In einer
jüngst veröffentlichten Studie wurde gezeigt, dass in einer Kontrollgruppe,
die die Hoffnung aufgegeben hatte und entspannt ihr Leben plante,
auch 7% zum erhofften Nachwuchs kamen! Also: Arbeitgeber, ran an
die Mütter; Gemeinden und Kreis: ran an die Ganztagsbetreuung. Und
liebe Mitmenschen: freut Euch auch einmal über die Kinder, die in
der Nachbarschaft toben, denn sie sind die Zukunft unserer Gesellschaft.
Damit der Muttertag nicht zum Gedenktag für eine ausgestorbene Spezies
wird!