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Meine Meinung
Donnerstag, 15. Mai 2003
 
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Muttertag – ein Tag für eine aussterbende Spezies?

Letzten Sonntag war Muttertag. Deutlich zu sehen besonders in den Anzeigen von Restaurants, die den gestressten Müttern eine Auszeit von ihren „Küchenpflichten“ versprachen und mit familienfreundlichen Angeboten lockten. Ein Tag – von 365! Denn normalerweise, machen wir uns nichts vor, sind Kinder in Gaststätten nicht gerne gesehen – außer vielleicht bei McDonald’s. Das erklärt vielleicht auch den großen Erfolg der neuen Filiale in Dibbersen. 24.000 Gäste in einer Woche! Doch was ist das für eine Gesellschaft, die sich auf der einen Seite beklagt, dass die Rentenbeitragszahler weniger werden, aber auf der anderen Seite in der Regel genervt reagiert, wenn Kinder auftauchen? Die Befürchtungen sind, dass im Jahre 2050 nur noch 55 Millionen Menschen in Deutschland leben werden. Kein Wunder, wenn nur 9,4 Kinder auf 1000 Einwohner geboren werden (EU: 10,8). Junge Frauen haben größere Probleme, nach ihrer Ausbildung fest angestellt zu werden (wegen des Geburtsrisikos!). Deutschland leistet sich da eine volkswirtschaftliche Verschwendung, denn eine Ausbildung kostet Geld und qualifizierte Arbeitskräfte fehlen an vielen Stellen. Und Frauen machen in der Regel die besseren Schul-, Studien- und Lehrabschlüsse. Doch dann kommt das andere Problem: bekommt eine Frau dann doch – ausnahmsweise – ein Kind (zwei und mehr Kinder sind noch rarer), kann sie sich im Zweifel in die Sozialhilfe verabschieden.

Betreuungsmöglichkeiten wie in anderen europäischen Ländern sind rar, auch im Landkreis Harburg. Obwohl die Bundesregierung vier Milliarden Euro für Ganztagsschulen zur Verfügung stellt und im Landkreis vier Schulen eingerichtet werden könnten, hat nur die Gemeinde Elbmarsch einen Antrag gestellt. Und wie sieht es mit dem neuen Programm für Kinder unter drei Jahren aus? 1,5 Milliarden Euro stehen zur Verfügung, Anträge aus dem Landkreis Harburg? Viele argumentieren, die Kinder bräuchten keine außerhäusliche Betreuung, weil die Mutter das wichtigste sei. Aber bei vielen Einzelkindern bleibt das soziale Lernen auf der Strecke, wir entwickeln uns zu einer Gesellschaft von Einzelkämpfern und Ich-Menschen. Zusammen Mittag essen und Schularbeiten machen mit Gleichaltrigen, in einem Chor oder einer Sportgemeinschaft üben, hilft dem Zusammenleben aller. Und noch ein Aspekt: viele Paare wünschen sich zwar ein Kind, bekommen aber keines (Schätzungen gehen auf 20%). Sie hoffen auf künstliche Befruchtung. Aber: nur bei 7% aller Fälle wirkt dieses aufwendige, für die Paare häufig belastende Verfahren. In einer jüngst veröffentlichten Studie wurde gezeigt, dass in einer Kontrollgruppe, die die Hoffnung aufgegeben hatte und entspannt ihr Leben plante, auch 7% zum erhofften Nachwuchs kamen! Also: Arbeitgeber, ran an die Mütter; Gemeinden und Kreis: ran an die Ganztagsbetreuung. Und liebe Mitmenschen: freut Euch auch einmal über die Kinder, die in der Nachbarschaft toben, denn sie sind die Zukunft unserer Gesellschaft. Damit der Muttertag nicht zum Gedenktag für eine ausgestorbene Spezies wird!

 
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