| Nachdem es die Union und die FDP in ihrem unsäglichen Namensgeschacher um die Kandidatur für die Rau-Nachfolge geschafft haben, sich auf einen Namen zu einigen, fragt man sich, was von Horst Köhler zu erwarten ist. Man fragt sich natürlich auch, was von Gesine Schwan als Bundespräsidentin zu erhoffen wäre. Köhler ist sicher ein integerer Mann mit unstrittiger internationaler Erfahrung. Sein Hintergrund besteht aber sein ganzes Berufsleben hindurch aus ökonomischen Fragen. Und dieses Bild passt zu den Beschlüssen der Union am Tag der Vorstellung von Horst Köhler als Präsidentschaftskandidat: quasi Abschaffung des Kündigungsschutzes, Aufhebung der Tarifautonomie, Kopfpauschale und Steuerentlastung zu Lasten der kleinen Einkommensbezieher. Ich bin gespannt, ob in der Weltsicht von CDU/CSU/FDP und ihres Kandidaten Deutschland mehr ist, als eine Wirtschaftsnation, der es im Moment nicht so gut geht und die nur ökonomisch wieder auf Trab gebracht werden muss Leben ist nicht nur Wirtschaft. Die Gesellschaft lebt von Bildung, Kultur, ökologischer Vielfalt und auch mal schrägen Ideen. Deshalb brauchen wir einen Aufbruch in Richtung Bildung, Ausbildung, Forschung und Kultur und Visionen. Nur hier können wir erwarten, dass von Deutschland wichtige Impulse ausgehen, die auch in Europa und anderswo verstanden werden. Wir alle wissen, dass das Amt des Bundespräsidenten ein eher repräsentatives ist und dass die konstitutionellen Funktionen beschränkt sind. Umso mehr kommt es darauf an, dass die Person, die das Amt innehat, in der Lage ist, vielfältige Autorität auszuüben. Dies in dem Sinne, dass sie übergreifend und unabhängig auf Missstände aufmerksam macht, Ideen voran bringt und Wege aufzeigt. Es kommt auch darauf an, sich auf die Herausforderungen der modernen, globalisierten Welt einzulassen und unkonventionelle Wege vorzuschlagen, Richtungen zu weisen. Die Voraussetzungen, diese vielfältigen Anstöße zu geben, sehe ich im beruflichen Hintergrund der Kandidatin Gesine Schwan eher verwirklicht als im Gesamtprogramm von CDU/CSU/FDP und ihres Kandidaten. Warum? Weil ihr bisheriger Lebensweg gezeigt hat, dass sie Internationalität lebt. Köhler besaß zwar eines der international wichtigsten Ämter und hat deswegen lange im Ausland – erst in London, dann in Washington – gelebt. Aber er ist eben ein internationaler Beamter. Gesine Schwan dagegen bewegt sich auf internationalem Parkett von Krakau über Paris bis New York und tut das mehrsprachig und als Präsidentin einer Universität. Gerade wegen der bevorstehenden Osterweiterung ist eine Präsidentin, die polnisch spricht, prädestiniert für das Amt. Außerdem ist sie bereits seit den siebziger Jahren politisch aktiv, während Köhler erklärtermaßen - obwohl gleicher Jahrgang – nicht einmal die Zeit hatte, über die Revolution nachzudenken. So eindrucksvoll man seine Karriere finden kann – vom Redenschreiber zum Staatssekretär zum Sparkassenpräsidenten zum IWF-Direktor – so geradlinig ist sie auch. Ich wünsche mir dagegen eine Bundespräsidentin, die in ihrem Leben Ecken und Kanten gezeigt hat und die – wie Gesine Schwan es tut – einen Raum mit Leben erfüllt, wenn sie ihn betritt. Denn es ist die Lebendigkeit, die unserem Land in weiten Teilen fehlt. Sie ist notwendig, um die Dinge wieder zu bewegen. Dafür steht Gesine Schwan. Und deshalb wird sie es sein, die aufsteigt – am 23. Mai in der Bundesversammlung! |