Am verschneiten Mittwochabend fand eine lebhafte
Diskussion um die Möglichkeiten der besseren Integration von lange
in der Bundesrepublik lebenden Ausländern statt.
Monika Griefahn (MdB, Buchholz) hatte gemeinsam
mit der SPD im Lkr. Harburg zu dem Informationsabend eingeladen,
um die polarisierte Diskussion stärker auf sachliche Füße zu stellen.
Wichtig sei nun, nicht die Vielfalt in unserer Gesellschaft zu diskriminieren.
Jeder schätze ausländische Restaurants, Hilfe im Krankenhaus oder
Service-Betrieben, aber gerade ausländische Jugendliche hätten mehr
und mehr Probleme, auch vollständig integriert zu werden.
In Belgien, Frankreich, Griechenland, Dänemark, Großbritannien,
Italien und Portugal sind der Verzicht auf die alte Staatsangehörigkeit
bzw. der Nachweis der Ausbürgerung nicht Voraussetzung für den Erwerb
der neuen Staatsbürgerschaft. Auch der Entwurf einer Europäischen
Staatsbürgerkonvention sehe eine Liberalisierung in der Frage der
doppelten Staatsbürgerschaft vor.
Ute Schui-Eberhard, Flüchtlingssozialberaterin
des Diakonischen Werks, betonte, daß verstärkte Bemühungen für eine
verbesserte Integration von Ausländern unternommen werden müssen.
Sie beklagte konkret, daß für Sprachkurse der Kreisvolkshochschule
neuerdings Gebühren erhoben würden. Dies sei für viele finanziell
schlechter gestellte Ausländer ein Integrationshemmnis. Vorbildlich
bei der Integration von Ausländern sei Holland. Dort würden in einem
10-monatigen Integrationskurs nicht nur Sprachkenntnisse vermittelt,
sondern z.B. auch reale Hilfestellungen für den Umgang mit Behörden
gegeben.
Leyla Onur, braunschweigische SPD-Bundestagsabgeordnete
mit deutschem und türkischem Paß, hob hervor, die Reform des Staatsangehörigkeitsrechts
sei dringend an der Zeit. Das derzeitige Reichs- und Staatsangehörigkeitsgesetz
stamme von 1913 und sei nicht mehr zeitgemäß. Das Territorialprinzip
sei auch in den USA das Primat. Die frühere CDU/CSU/FDP - Koalition
habe eine Reform verschleppt und trotz gegenteiliger Ankündigungen
wegen koalitionsinterner Differenzen über 16 Jahre hinweg keine
Reform des Staatsangehörigkeitsrechts zustande gebracht.
Die Unterschriftenaktion von CDU / CSU bezeichnete
Leyla Onur als "scheinheilig". Offiziell werde Integration gefordert,
inoffiziell werde eine rechte, ausländerfeindliche Klientel bedient.
An den CDU-Ständen finden keine sachliche Information statt; dort
würden nur Emotionen geschürt. Deutschland habe bislang von 11 europäischen
Staaten die viertniedrigste Einbürgerungsquote (1,18 %). Diese Zahl
zeige, daß die CDU in der Vergangenheit bei der Integration versagt
habe. Außerdem habe die alte Bundesregierung mehrfach die Finanzmittel
für die Sprachförderung von Ausländern zusammengestrichen.
Das neue Staatsangehörigkeitsrecht werde hingegen
Einbürgerungshürden abbauen. Ein Problem für viele integrationswillige
Ausländer sei häufig die geforderte Entlassung aus ihrer alten Staatsangehörigkeit.
Viele Länder weigerten sich, die Entlassung zu erteilen; in anderen
Ländern herrsche ein Stillstand der Rechtspflege. Sie betonte Beispiele
aus dem ehemaligen Jugoslawien. In Einzelfällen drohe Ausländern
sogar die Verhaftung in Deutschland, allein weil Ausweise oder Reisedokumente
von den Botschaften ausländischer Staaten nicht verlängert würden,
die Entlassung aus der alten Staatsangehörigkeit gleichfalls verweigert
und damit die Einbürgerung nach bisher geltendem Recht fast unmöglich
sei.
Die Hinnahme der doppelten Staatsangehörigkeit
als Folge einer verbesserten Integrationspolitik sei weitgehend
unproblematisch. Bereits heute hätten über zwei Millionen Deutsche
zwei Pässe. Hierbei handele es sich überwiegend um Kinder aus binationalen
Ehen und um Spätaussiedler. Den Spätaussiedlern habe die alte Bundesregierung
nicht zumuten wollen, auf ihre bisherige Staatsangehörigkeit zu
verzichten. Das Problem angeblicher doppelter Rechte und Pflichten
aus der doppelten Staatsangehörigkeit werde in der Öffentlichkeit
überbewertet. Leiste z.B. ein Doppelstaatler in dem ausländischen
Staat Wehrdienst, verliere er die deutsche Staatsangehörigkeit.
Einig waren sich Leyla Onur MdB und Monika Griefahn MdB, daß das
von der FDP favorisierte Optionsmodell auf verfassungsrechtliche
Bedenken stößt.
Insgesamt gesehen verbessere das neue Staatsangehörigkeitsrecht
die Chancen für eine bessere Integration der Ausländer in Deutschland.
Die heimische SPD-Bundestagsabgeordnete Monika
Griefahn betonte, der Schwerpunkt des Gesetzesvorhabens liege auf
der erleichterten Einbürgerung, einer verbesserten Integration der
rechtmäßig schon lange in der Bundesrepublik lebenden Ausländer
und einer Modernisierung des Staatsangehörigkeitsrechts. Die SPD
wolle solchen Ausländern das Angebot machen, eingebürgert zu werden,
die sich zu unseren Grundwerten bekennen, die sich in deutscher
Sprache verständigen können, die sich selbst und ihre Angehörigen
unterhalten können und die nicht wegen einer Straftat verurteilt
sind.
Der vom Innenministerium vorgestellte Entwurf
sei bisher noch nicht im Parlament und seinen Ausschüssen beraten
worden. Bei der Frage der endgültigen Ausgestaltung des Staatsangehörigkeitsrechts
habe die 298-köpfige Fraktion ein gewichtiges Wort mitzureden.