"Der Everestheld Baru Chari ist
tot": so lautete die Schlagzeile am Tag unserer Abreise in Nepal
und auf dem Weg zum Flughafen kommt er uns entgegen: ein riesiger
Trauerzug, unzählige Motorräder, ein Lastwagen, voll dekoriert,
mit buddhistischen Mönchen und darauf die Leiche mit vielen Blumen,
die zu Grabe getragen wird. Berühmter als Reinhold Messner ist Baru
Chari, da er 10 mal den Mount Everest bestiegen hat und 21 Stunden
ohne Sauerstoff dort ausgehalten hat. Dies ist nur eine Facette
von vielen, die sich bei unserer Reise im Rahmen des Dialogs der
Kulturen ergeben haben.
Nepal gehört zu den ärmsten Ländern
der Welt, noch ärmer als Bangladesh. gleichzeitig ist es so reich
an Kulturen, obwohl es sich als einziges hinduistisches Königreich
der Welt bezeichnet, ist doch der Anteil des Buddhismus zwar zahlenmäßig
klein, aber präsent in Architektur, in diversen Tempeln und zahlreichen
Orten. Musik wird interessanter Weise in Nepal von einem Deutschen
in der klassischen Form an die Nepalis weitervermittelt. Auch die
deutsche Entwicklungshilfe spielt eine herausragende Rolle bei der
Wiederherstellung historischer Stätten wie zum Beispiel Patan und
Bagdhapur, ein etwa 20 Kilometer außerhalb von Kathmandu gelegenes
Weltkulturerbe. Wie nötig die Erhaltungsarbeiten sind, zeigt sich
an jedem Haus, dass noch nicht gestützt wird, da es durch zahlreiche
Erdbeben, besonders des großen im Jahre 1967, vom Verfall bedroht
ist. Aber auch die aktuellen Sünden nagen. So ist die Luftverschmutzung
enorm hoch (der Botschafter bemerkte süffisant, dass 10 % des Staubes,
den wir einatmen und zu uns nehmen, Kot ist). Die kulturellen Stätten
und Theater- und Musikaufführungen sind ein wichtiger Bestandteil
im Land, das vorwiegend für Trekker und Bergsteiger bekannt ist.
Aber immerhin - die wiederaufgebauten Städten nehmen jetzt Eintritt
- zum Beispiel 10 Dollar in Bagdhapur von jedem Touristen, um weiteren
Renovierungsbedarf decken zu können. Auch in Indien, das wir zuvor
acht Tage bereist haben, lassen sich die unermässlichen kulturellen
Schätze nur erhalten, wenn die Eintrittspreise, insbesondere für
Touristen, drastisch erhöht werden. Was die einzelnen Provinzen
auch verstärkt tun. Aber gerade in Indien werden die kulturellen
Unterschiede innerhalb des Landes enorm deutlich. Chennai, das alte
Madras, mit seiner boomenden Filmindustrie (Indien ist nach Hollywood
der zweitstärkste Filmproduzent der Welt), exportiert Filme in alle
Welt - und zwar ohne Übersetzung. Die Südinder, insbesondere Tamilen,
lieben Melodramen und sitzen im Kino zusammen und heulen. Kein Film
hat etwas mit der Realität zu tun. Dagegen Bangalore mit seiner
Hightech-Industrie und einem Institut für Journalistenausbildung
und Neue Medien, hat sich der Grundbildung aller Kinder bis zum
5. Schuljahr angenommen. "Reis für die Eltern - Schule für die Kinder"
ist die Devise. Sicherlich ein sinnvoller Schritt, Kinderarbeit
wenigstens in der Grundschule zu vermeiden. Ganz anders dagegen
Kerala, das bereits seit 1957 von Kommunisten regiert wurde, besteht
zu 50 % aus Hindus, zu 25 % aus Moslems und zu 25 % aus Christen.
Der große Anteil an Christen hat sicherlich neben dem Kommunismus
sein Anteil daran gehabt, dass 96 % der Menschen in Kerala alphabetisiert
sind. Interessanter Weise hat Kerala ähnliche Probleme wie Deutschland.
Für wenig qualifizierte Arbeiten findet man kaum jemanden. So werden
Tamilen "importiert", um Dienstleistungen zu verrichten, für die
sich die Keraler offensichtlich zu schade sind. Aber auch das Straßenbild
macht deutlich: richtige Not, wie in sehr vielen anderen Gebieten
Indiens, leiden hier die Keraler weniger. Politisch gibt es eine
Menge Streit. Am 10.05. finden in verschiedenen Provinzen Wahlen
statt. Dabei kommt es darauf an, ob die Kommunisten bleiben oder
die sehr starke, Kongresspartei gewinnt.
Das deutsch-indische Festival, das
gerade im März seine letzten Aufführungen hatte, war nach Einschätzung
der Inder ein großer Erfolg. Musik- und Ballettaufführungen mit
1.000 oder 1.500 Personen fanden statt. Nach Einschätzung der beteiligten
Goethe-Institute, die sehr viel Arbeit investiert haben, war der
Widerhall gering, weil die Öffentlichkeitswirkung, sprich die Presseberichterstattung,
nicht besonders groß zu sein schien. Allerdings ist nicht deutlich,
wie in dem tamilischen oder Kanarkar-Zeitungen berichtet wurde,
weil dieser Sprachen außerhalb Indiens kaum jemand mächtig ist.
Und das ist auffallend: Nur 3 % der Inder sollen tatsächlich englisch
können, obwohl wir immer vom größten englischsprachigen Land der
Welt sprechen. Die Regionalsprachen (38 an der Zahl) dominieren.
Besonders in Südindien kann kaum jemand englisch und nur seine Regionalsprache,
so dass selbst unsere Dolmetscherin, eine Hindi, Schwierigkeiten
hatte und doppelte Übersetzungen notwendig waren. Indien öffnet
sich der Welt, stellt sich der Globalisierung, aber kämpft auch
mit seinen inneren Strukturen. Deutlich wurde dies bei unserem Gespräch
mit unserem Partnerausschuss im Parlament in Neu Delhi. Bereits
hier musste für verschiedene Abgeordnete eine Simultanübersetzung
erfolgen, und das innerhalb des nationalen Parlamentes. Die Abgeordneten
waren sehr an unserer Art der Parlamentsarbeit interessiert. Wie
diese sich in Indien abspielt, konnten wir hinterher in einer aktuellen
Debatte mit dem Außenminister Singh verfolgen, der Rede und Antwort
stehen musste für den Grenzkonflikt in Bangladesh. Indien ist für
uns Deutsche ein interessantes Land, wir werden geschätzt und anerkannt.
Die Arbeit in den Goethe-Instituten ist extrem wichtig, bei einer
Milliarde Menschen, die potentiell Bindungen entweder in die USA
oder England oder eben nach Deutschland entwickeln können. Die Kontinuität
der Beziehungen, der Austausch, dient sicherlich auch der Konfliktprävention,
denn je mehr Inder direkt von uns erfahren, desto mehr verblasst
das Bild, dass in Deutschland nur Nazis Ausländer jagen würden.
In diesem Sinne ist es wichtig, unsere Präsenz dort zu stabilisieren
und zu stärken und auch in den Wissenschaftler-Austauschprogrammen
aktiv Akzente zu setzen.