"Die Zukunft des Ehrenamts - Wege
zur Stärkung des Bürgerschaftlichen Engagements": Unter diesem Titel
hatte die SPD-Bundestagsfraktion auf Anregung der SPD-Bundestagsabgeordneten
Monika Griefahn und Kurt Palis zu einer Fachkonferenz eingeladen.
Herr Dr. Michael Bürsch MdB, Monika Griefahn
MdB und
Dietmar Stadie, Bürgermeister von Rosengarten (v.l.n.r.)
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Rund 45 Vertreter aus Politik und
Verwaltung, vornehmlich auch von Vereinen und Verbänden aus dem
Landkreis Harburg waren gekommen, um sich dem Thema Ehrenamt zu
widmen.
Monika Griefahn begrüßte die Gäste
und leitete in das Thema ein. In ihrem Bereich, der Kulturpolitik,
habe man mit dem neuen Stiftungsrecht eine Möglichkeit zur verstärkten
Förderung des ehrenamtlichen Engagements geschaffen. Besonders im
ländlichen Bereich zeige sich, wie wichtig das ehrenamtliche Engagement
im Verein auch als Anlaufstelle für Jugendliche ist, sei es im Sport-
oder Schützenverein, in der Bürgerinitiative oder der Freiwilligen
Feuerwehr. Die Bundesregierung und die sie tragenden Fraktionen
hätten die Enquete-Kommission eingesetzt, um die Rahmenbedingungen
und die Anerkennung für die 22 Mio. Ehrenamtlichen in Deutschland
zu verbessern. Klar sei, dass es auch dem Ehrenamtlichen etwas bringe,
sich zu engagieren, und zwar nicht Materielles, sondern Selbstbewusstsein
und Kenntnisse.
Ein Grußwort hielt Dietmar Stadie,
Bürgermeister der Gemeinde Rosengarten. Stadie erläuterte, dass
sich die Förderung des Ehrenamts nicht auf die Ehrung einiger verdienter
Bürgerinnen und Bürger an jedem 5. Dezember, dem Tag des Ehrenamts,
beschränken dürfe. Immernhin seien in Niedersachsen fast 1/3 aller
Bürgerinnen und Bürger ehrenamtlich tätig und stellten durch ihre
Tätigkeit Werte wie Hilfsbereitschaft, Verantwortung und Nächstenliebe
unter Beweis. Wichtig sei, dass dem Ehrenamt generell gesellschaftlich
Anerkennung gezollt werde und dass das Ausübemn des Ehrenamts auch
Spaß bereite.
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Dr. Michael Bürsch MdB
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Dr. Michael Bürsch, SPD-Bundestagsabgeordneter
aus Schleswig-Holstein und Vorsitzender der Bundestags-Enquete-Kommission
"Zukunft des Bürgerschaftlichen Engagements", war der Hauptreferent
des Abends. Die Enquete-Kommission hat gerade vor zwei Wochen ihren
Abschlussbericht vorgelegt, so dass sein Bericht hochaktuell war.
Die Enquete-Kommission hatte zuvor rund 220 Vereine und Verbände
gehört, eine umfassende Bestandsaufnahme gemacht und über die parteipolitischen
Grenzen hinweg weitgehend einstimmig Handlungsempfehlungen ausgesprochen.
Herr Dr. Bürsch erläuterte anhand zahlreicher Beispiele, wie umfassend
ehrenamtliches Engagement in der Gesellschaft geleistet würde und
wie wichtig dies sei. Beispiele waren die Tafel-Bewegung, die Nahrungsmittel
sammelt und sie Obdachlosen und Bedürftigen zugute kommen lässt,
die Hospiz-Bewegung, die sich einem menschenwürdigen letzten Lebensabschnitt
widmet, die Jugendfeuerwehr und die Aktion "Schüler helfen leben".
Bei dieser Aktion, die von Jugendlichen ins Leben gerufen wurde,
arbeiten Jugendliche einen Tag in einem Betrieb und spenden das
verdiente Geld zugunsten von Schulen und Jugendeinrichtungen im
Kosovo. Im letzten Jahr kamen so rund 4,2 Millionen DM von 100.000
Schülern zusammen und wurde die erste Stiftung von Jugendlichen
gegründet. Am 18. Juni 2002 werde die Aktion wiederholt.
Herr Dr. Bürsch nahm insbesondere die Jugendlichen in Schutz, denen
häufig pauschal mangelndes Engagement und Einsatz fürs Gemeinwohl
vorgeworfen werde. Jugendliche engagierten sich ebenfalls, allerdings
eher kurzfristig, projektorientiert und nicht unbedingt in den etablierten
Vereinen, Verbänden und Institutionen.
Finanzielle Anreize seien nur ein untergeordneter Aspekt, denn nur
15 % der Ehrenamtlichen erhielten überhaupt eine Aufwandsentschädigung.
Auch die Ehrenamtlichen selbst bewerten finanzielle Anreize nicht
als den wichtigsten Aspekt.
Wichtig seien insbesondere die Möglichkeit von Mitbestimmung und
Eigenverantwortung in den Organisationen, sowie die Möglichkeit
der Weiterbildung.
Schlimm sei auch die Verunglimpfung der rund 250.000 ehrenamtlichen
Politiker, im wesentlichen Kommunalpolitiker, in Deutschland als
"bestechlich" und "zu nichts nutze". Hier sei in der Bevölkerung
dringend ein Umdenken erforderlich.
Im Anschluss erörterte Herr Dr.
Bürsch einige der wichtigsten Handlungsempfehlungen der Enquete-Kommission:
- Schutz der Engagierten vor Haftung und Schäden durch Versicherung
90 % der Vereine haben Rechtsschutzversicherung; die private
Haftplichtversicherung schloß Schäden bei ehrenamtlicher Tätigkeit
durch eine Klausel im Kleingedruckten bisher weitgehend aus.
Ein Erfolg der Enquete-Kommission sei es, dass in Gesprächen
mit der Versicherungswirtschaft erreicht werden konnte, dass
dieser Ausschluss nur noch für die unmittelbare Vorstandstätigkeit
gilt und dass die übrigen Vereinsmitglieder bei ihrer Vereinstätigkeit
versichert sind.
- Erhöhung der Übungsleiterpauschale Die steuer- und sozialversicherungsfreie
Übungsleiterpauschale wurde von der rot-grünen Bundesregierung
von 2.400 DM auf 3.600 DM erhöht, dies entspricht 154 Euro im
Monat. Außerdem wurde der Kreis der Berechtigten deutlich ausgeweitet;
die Pauschale gelte auch für die Feuerwehren, für soziale und
pädagogische Tätigkeit. Außerdem wird für alle 22 Mio. Ehrenamtlichen
eine sog. "kleine" steuerliche Aufwandspauschale von 300 Euro
pro Jahr eingeführt, die beim Nachweis tatsächlich entstandener
Kosten durch die ehrenamtliche Tätigkeit Nachteile durch ehrenamtliche
Tätigkeit ausgleichen soll. Dieser Betrag ist dann steuer- und
sozialversicherungsfrei.
- Verbesserung von praktischen Rahmenbedingungen Der Bürokratieaufwand
für die Ehrenamtlich soll gesenkt werden; häufig sei dies auch
schon bei Ausschöpfung des geltenden Rechts machbar. So brauche
z.B ein Gesundheitszeugnis bei von Vereinen veranstalteten Grillfesten
nur derjenige, der "gewerbsmäßig" Grillgut verkaufe.
- Stichwort Rentenpunkte Die Kommission hat fraktionsübergreifend
empfohlen, keine Rentenpunkte für ehrenamtliche Tätigkeit zu
vergeben. Grund dafür sei die Natur des Ehrenamts als einer
freiwilligen, am Gemeinwohl orientierten und unentgeltlichen
Tätigkeit.
- Stichwort Nachwuchsprobleme Einige Vereine haben Nachwuchsprobleme.
Ein Grund dafür sei, dass zum Teil das Vereinsleben nicht attraktiv
genug gestaltet werde und jüngere Menschen nicht in Hierarchien
arbeiten wollen. Verbesserungen könnte die Möglichkeit zur zeitlich
befristeten Mitarbeit sowie ein Mehr an Mitbestimmung und Fortbildung
bringen. Ehrenamtliches Engagement müsse bei Kinder und Jugendlichen,
insbesondere auch in Schulen anfangen getreu dem Slogan "Gemeinschaft
macht mich stark".
- Schaffung einer Anerkennungskultur Eine Unterstützung sei
allen Formen bürgerschaftlichen Engagements angemessen. Engagierte
wollten etwas zurück bekommen für ihr Engagement, und zwar nicht
in erster Linie Geld und Vergünstigungen, sondern Anerkennung.
Der Engagierte müsse Wertschätzung und Würdigung erfahren -
z.B. durch verbandsinterne Auszeichnungen, über eine Resonanz
in den Medien oder über Mitgestaltungs- und Fortbildungsmöglichkeiten.
22 Millionen engagierte Menschen
in Deutschland ließen sich nicht über einen Kamm scheren; jede Tätigkeit
brauche die ihr angemessene Form von Unterstützung.
An den Vortrag von Herrn Dr. Michael
Bürsch schloss sich eine rege Diskussion an.