Professor Dr. Ernst-Ulrich
von Weizsäcker, SPD-Bundestagsabgeordneter, zu Gast bei der Deutsch-Indischen
Gesellschaft in Winsen am 4. Juni 2002
Die
Welt sucht nach Lösungen
Bericht des Winsener Anzeigers vom 7. Juni 2002
Winsen. "Wir leben vom Raubbau,
vom Aufbrauchen von Rohstoffen, auf Kosten der nachfolgenden Generationen.
Wenn die Welt sich nach dem deutschen Wohlstand ausrichten würde,
müssten uns zwei Erdbälle zur Verfügung stehen; beim american way
of life etwa vier." Mit dieser bitteren Erkenntnis konfrontierte
Professor Dr. Ernst-Ulrich von Weizsäcker, international geachteter
Physiker, Biologe und Autor mehrerer Bestseller, sein Publikum jetzt
im Winsener Marstall.
Dem Vorsitzenden der Deutsch-Indischen
Gesellschaft, Martin K. Cherian, war es über die Bundestagsabgeordnete
Monika Griefahn gelungen, diesen anerkannten Fachmann nach Winsen
zu holen. Von Weizsäckler, selbst Mitglied des Deutschen Bundestages
und unter anderem Vorsitzender der Enquete-Kommission "Globalisierung
der Weltwirtschaft - Herausforderungen und Antworten", hielt im
Marstall seinen Vortrag unter dem Titel: "Ökologische Neuausrichtung
des Fortschritts - auch in den Entwicklungsländern' "
Er baute seinen Vortrag auf den
Zwischenbericht der 1999 vom Deutschen Bundestag eingesetzten Enquete-Kommission
auf. In seiner Einleitung legte er die Schritte von der Industrialisierung
bis hin zur Globalisierung dar. "Wer Einfluss auf das globale Geschehen
hat", so von Weizsäcker, "spricht typischerweise positiv bis enthusiastisch
über die Globalisierung. Wer sich jedoch machtlos und ausgeliefert
fühlt, und das ist wohl die Mehrheit, bei dem überwiegen die Ängste."
Was bedeutet das Wort Globalisierung,
das vor 1990 kaum in Gebrauch war? Es bedeutet zunächst die weltweite
wirtschaftliche Verflechtung. Das Wort selber sei zugleich ein äußerst
schillernder Begriff, so der Wissenschaftler. Er fasste zunächst
Entwicklungen zusammen. Oft wird übersehen, dass die Globalisierung
in den verschiedenen Bereichen höchst unterschiedlich ausgeprägt
ist. Die Wissenschaft sowie die Finanzmärkte haben wohl den höchsten
Integrations-und Globalisierungsgrad. Bei Technologien, Güter- und
Dienstleistungsmärkten sind die kapitalintensivsten am stärksten
globalisiert. Arbeitsmärkte, Bildung, Infrastruktur und Verwaltung
sind hauptsächlich national geprägt, stehen aber unter zunehmendem
internationalen Konkurrenzdruck, unter anderem durch globale Vergleiche
des Preis-Leistungsverhältnisses.
Die frühen 90er-Jahre waren durch
zwei einschneidende Ereignisse beziehungsweise Trends gekennzeichnet,
die zu einem qualitativen Sprung in der Internationalisierung und
damit zur Globalisierung des Wirtschaftsgeschehens führten:
1. Der Zusammenbruch des politischen
Systems in Osteuropa und in seinem Gefolge der Übergang vom vorwiegend
politisch definierten Systemwettbewerb zum vorwiegend ökonomisch
definierten Standortwettbewerb.
2. Die sprunghafte Entwicklung der
Computer- und Informationstechnik, die eine weltweit verflochtene
Logistik, sekundenschnelle Finanztransaktionen und Instant-Preisvergleiche
mit der Folge eines dramatisch intensiven Kostenwettbewerbs zur
Folge hatte.
Einen möglichen Lösungsweg sieht
die Enquete-Kommission unter der Leitung von Weizsäckers in der
Schaffung einer Global Governance. Dabei wendet sich dieses Konzept
gegen die Idee einer zentralen Weltregierung oder eines hierarchischen
Weltstaats. Global Governance meint auch nicht das Ende des Nationalstaates.
Im Gegenteil: Ziel aller zwischenstaatlichen Kooperation ist es,
dass Staaten für die effektive Bearbeitung globaler Probleme Handlungsfähigkeit
zurückgewinnen sollen.
Es geht dabei um Fragen, wie die
Globalisierung politisch so gestaltet werden kann, dass deren Risiken
minimiert und Chancen optimiert sowie existierende Fehlentwicklungen
korrigiert werden können. Um dieses Ziel zu erreichen sind drei
Bausteine einer Global Governance wichtig: der Ausbau e zwischenstaatlicher
Kooperation, das Zusammenwirken von staatlichen und nichtstaatlichen
Akteuren von der lokalen bis zur globalen Ebene sowie die Entwicklung
neuer und - wo nötig - die Korrektur verfehlter inhaltlicher Orientierungen
globaler Politik.
Von Weizsäcker verwies gleichzeitig
darauf, dass es eine endgültige Antwort nicht geben könne, denn
die Dinge veränderten sich tagtäglich und seien im Fluss. Man müsse
fragen, ob die Demokratie in der heutigen Form sich nicht auch einem
Wandel anpassen müsse. Das könne Jahrzehnte dauern und bedeute,
sich nicht entmutigen zu lassen.