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Sehr geehrte Damen und Herren,
Ich gratuliere Ihnen sehr herzlich zu Ihrem 60-jährigen Gründungsjubiläum. Ich gratuliere Ihnen dafür, dass Sie in unermüdlicher, ehrenamtlicher Arbeit Hilfsbedürftige unterstützen und sozial Benachteiligte und Schwache in unserer Gesellschaft unterstützen. Solche Arbeit wird heute immer wichtiger – sie ist ein nicht mehr wegzudenkendes Element unserer Gesellschaft geworden.
60 Jahre Arbeiterwohlfahrt: Das sind 60 Jahre Einsatz für Freiheit, Gerechtigkeit, Toleranz und Solidarität. Die Herausforderungen und Aufgaben haben sich im Laufe der Jahrzehnte verändert, den in der Arbeiterbewegung verankerten Grundwerten ist die Arbeiterwohlfahrt aber im Laufe der Zeit stets treu geblieben. Und diese Werte sind heute noch genauso aktuell wie vor 60 Jahren - gerade in einer Zeit, in der wir uns mit weit reichenden Reformen an die Veränderungen einer globalisierten Welt anpassen müssen. Für die in diesem Zusammenhang entfachte Debatte über eine Neujustierung des Sozialstaats sind Wohlfahrtsverbände wie der Ihre als Grundpfeiler unserer Gesellschaft und die damit verbundenen Werte und Prinzipien von besonderer Bedeutung.
Wir stehen vor gewaltigen Herausforderungen: Immer weniger junge Menschen müssen für immer mehr Ältere sorgen. Der internationale Druck durch die Globalisierung nimmt für die Produktionsbetriebe zu. Gleichzeitig haben die Sozialsysteme ihre Belastungsgrenze erreicht. Deswegen müssen wir heute die Strukturen in Wirtschaft und Gesellschaft den veränderten Bedingungen anpassen, um auch in Zukunft Wohlstand, Wachstum, Arbeitsplätze und soziale Sicherheit gewährleisten zu können. Wir müssen die Leistungsfähigkeit des Staates und unserer Volkswirtschaft angesichts des demografischen Wandels hin zu einer älteren und schrumpfenden Bevölkerung sichern. Zum einen sind mutige Veränderungen notwendig und unvermeidbar. Zum anderen hat aber die Erhaltung des Sozialstaats genauso hohe Priorität. Wir wollen den europäischen Sozialstaat als Gegenmodell einer nur über Marktgesetze gesteuerten Gesellschaft erhalten und uns bei den jetzt notwendigen Veränderungen an den Leitlinie und Prinzipien sozialdemokratischer Politik wie Chancengleichheit, Gerechtigkeit und Solidarität sowie Nachhaltigkeit orientieren.
Um diese schwierige Aufgabe zu bewerkstelligen, müssen wir alle umdenken. Das betrifft zum einen das Verhältnis von Bürger und Staat, zum anderen die Gestaltung des Arbeitslebens. Jeder Einzelne muss mit anpacken, damit wir die Errungenschaften und den Wohlstand der letzten Jahrzehnte beibehalten können. Der Staat allein ist dazu offensichtlich nicht mehr in der Lage. Deshalb brauchen wir eine starke und engagierte Zivilgesellschaft, eine Gesellschaft, in der sich die Menschen füreinander einsetzen. Dafür ist es notwendig, sich zu fragen, was wir von menschlicher Tätigkeit eigentlich erwarten und wie diese beschaffen sein sollte. Ich denke, dass man Arbeit vollkommen neu definieren muss – als eine Tätigkeit im Sinne einer Bürgergesellschaft, einer Tätigkeit, die der Menschenwürde gerecht wird und die gleichermaßen den Sozialsystemen förderlich ist sowie unsere natürlichen Lebensgrundlagen erhält.
Ausgehend von traditionell schwierigen Arbeitsbedingungen wird Arbeit als Belastung begriffen; nicht als Gestaltungs- und Beteiligungsmöglichkeit. Eine Umwertung ist erforderlich. Aktivitäten für andere Menschen im sozialen Bereich oder im Umweltschutz müssen den gleichen Stellenwert haben wie traditionelle Erwerbstätigkeit. Das sind Chancen der Beteiligung an gesellschaftlichen Prozessen und Entscheidungen. Es scheint deshalb augenfällig, dass Menschen, solange sie gesund sind, tätig sind. Dabei müssen alle Dimensionen menschlicher Tätigkeit gleichrangig betrachtet werden. Sozialarbeit, Kindererziehung, Pflege von Alten und Kranken ist genauso wichtig wie das Herstellen von Schrauben oder das Reparieren von Autos. Tätigkeit zum Schutz der Umwelt und Natur, zur Erhaltung der Artenvielfalt ist ebenso existenznotwendig. Das Max-Planck-Institut in Rostock hat in einer Studie errechnet, dass jedes zweite jetzt geborene Mädchen 100 Jahre alt wird. Wenn wir davon ausgehen, dann könnte das Leben auch zu dritteln sein: Ein Drittel traditionelle Erwerbsarbeit, ein Drittel Sozialarbeit und (statt traditioneller Landwirtschaft) ein Drittel Umwelt-, Naturschutz- oder Gartenarbeit für alle Menschen solange sie gesund sind.
Selbstverständlich bedeutet dies auch einen lebenslangen Urlaubsanspruch und einen Anspruch auf lebenswürdige Lebensverhältnisse und ein Einkommen. Die von verschiedener Seite in die Debatte gebrachten Lebensarbeitszeitkonten könnten ausgeweitet werden. Denn Sozial- und Kulturarbeit sind nur in einem äußerst begrenzten Rahmen rationalisierbar, d.h. im Zeitaufwand begrenzbar. Es braucht Zeit für Kinder, es braucht Zeit für die Betreuung von Kranken oder Älteren. Wenn es gelingen soll, 10 Milliarden Menschen auf der Erde zu ernähren, dann muss erreicht werden, dass die Landwirtschaft weit produktiver ist. Die industrielle Landwirtschaft kann dies nicht ausschließlich leisten. Weit produktivere Systeme sind Systeme mit einer Gartenlandwirtschaft, wie sich dies bereits in China gezeigt hatte. Gartenarbeit lässt sich mit Fitness, mit Entspannung, mit Lernen in Zusammenhängen zu denken, mit Hochwasser- und Erosionsschutz verbinden.
Dieses Modell menschlicher lebenslanger Aktivität mit gesellschaftlich notwendigen Aufgaben wie Betreuung von Jugendlichen, das Sporttraining, das Schwimmen lehren, das Engagement in sozialem Kontext insgesamt wird wieder finanzierbar. Wenn wir in dieser Systematik denken, werten wir nicht mehr die Arbeit mit Maschinen höher als die mit Menschen. (Werkzeugmacher verdient dreimal so viel wie eine Kindergärtnerin!) Der erzielte Produktivitätsfortschritt (immer weniger mechanische Arbeit für immer mehr Produkte) kann so tatsächlich gesellschaftlich, sozial und ökologisch und kulturell sinnvoll genutzt werden. Ein solches Modell setzt einer notwendigen Globalisierung eine gestaltete Regionalisierung gegenüber.
Hinter diesem Konzept steht die Idee der Bürgergesellschaft – einer Gesellschaft, in der die Bürger und Bürgerinnen Eigenverantwortung übernehmen, aber auch miteinander leben. Bürgergesellschaft heißt gesellschaftliche Selbstorganisation. Oder präziser: demokratische, gesellschaftliche Selbstorganisation. Dies wird von der Arbeiterwohlfahrt bereits seit 60 Jahren in vorbildlicher Weise gelebt und praktiziert und ist ein leuchtendes Beispiel für bürgerschaftliches Engagement. Seit 60 Jahren setzen Sie sich nun schon für die Belange der sozial Schwachen ein und leisten damit einen unschätzbaren gesellschaftlichen Beitrag – und viele von Ihnen tun dies ehrenamtlich in Ihrer Freizeit. In ganz Deutschland engagieren sich rund 34 Prozent der Bundesbürgerinnen und -bürger über 14 Jahre bürgerschaftlich. Das sind rund 22 Millionen Menschen, die in Vereinen, Projekten, Initiativen und Einrichtungen unentgeltlich gemeinwohlorientierte Aufgaben erfüllen. Dieses ehrenamtliche Engagement gewährleistet Strukturen, ohne die unsere Gesellschaft nicht funktionieren würde und die angesichts der anstehenden Herausforderungen und Reformen immer wichtiger werden. Deshalb war und ist die Förderung des ehrenamtlichen Engagements und der gemeinnützigen Vereine für die Regierungskoalition eine wichtige Aufgabe. Das Ziel der Stärkung der Bürgergesellschaft ist explizit im Koalitionsvertrag verankert worden. Dort heißt es: „Ohne ein starkes ehrenamtliches Engagement der Bürgerinnen und Bürger für unser Zusammenleben kann unsere Gesellschaft nicht existieren.“ Dementsprechend setzen wir uns ein für die Verbesserung der rechtlichen Rahmenbedingungen des bürgerschaftlichen Engagements ein, wie wir es auch schon unter der rot-grünen Regierungskoalition getan haben.
Das soeben beschriebene Modell einer lebenslangen Aktivität im Sinne einer Bürgergesellschaft steht nicht im Widerspruch zu ehrenamtlicher Tätigkeit heutiger Prägung. Vielmehr wird diese Tätigkeit dadurch hervorgehoben und gesellschaftlich auch in einer materialisierten Welt anerkannt. Bei einer pragmatischen Betrachtungsweise entstehen somit Erwerbsmöglichkeiten und ein Einkommen für alle. Familien als Kleineinheiten würden damit nicht länger überlastet sondern gesellschaftlich integriert. Die Verantwortung für Kinder und für Alte wird nicht länger an Kleinstgruppen abgeschoben. Die Förderung von Benachteiligten, die Betreuung von Behinderten und Kranken wird damit zur selbstverständlichen gesellschaftlichen Aufgabe. Die Frage, die sich in der praktischen Umsetzung stellt, ist: Handelt es sich um ehrenamtliche Tätigkeit, die jeder nach seiner Pensionierung/Verrentung ausübt? Oder geschieht dies im Rahmen einer Weiterentwicklung der 1-Euro-Jobs für alle, die zurzeit unter den Titel „erwerbslos“ fallen? Oder bewerten wir alle Tätigkeiten so gleichwertig, dass es irgendwann keine klassische Rente oder klassische Arbeitslosigkeit mehr gibt, sondern nur Einkommen aus privaten oder öffentlichen Tätigkeiten, solange man fähig ist, tätig zu sein?
Diese programmatische Debatte ist nötig, um auch über Hartz IV, Gesundheitsreform und Reform der Rentenversicherung hinaus Ziele zu entwickeln, die langfristig Gültigkeit haben. Die Weichen für eine zukunftsfähige Gesellschaft müssen im Sinne vorsorgender sozialer Verantwortung jetzt gestellt werden. Als einer der bedeutendsten Wohlfahrtsverbände in Deutschland leistet die AWO bereits einen unschätzbaren Beitrag, der zeigt, dass die Bürgergesellschaft nicht nur eine Vision, sondern in Teilen bereits Realität ist.
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