3.
Die SPD hat sich zur kulturpolitischen Verantwortung des Bundes
bekannt. Zwischen diesem Bekenntnis und dem Bekenntnis zum Kulturföderalismus
besteht kein Widerspruch. Kultur ist in Deutschland seit Jahrhunderten
immer zugleich gesamtstaatlich und regional orientiert. Wir brauchen
daher beides: die in der föderalen Ordnung zum Ausdruck kommende
Anerkennung der Multizentralität kultureller Entwicklungen und die
Anerkennung der nationalen Dimension von Kultur. Gerade der Förderung
von Kunst und Kultur in wirtschaftlich weniger entwickelten Regionen
kommt besondere Bedeutung zu. So verbessert der Erhalt seines kulturellen
Erbes die Zukunftschancen Ostdeutschlands. Eine gute Entwicklung
des Kulturföderalismus verlangt eine fruchtbare Kooperation von
Bund, Ländern und Gemeinden. Kooperation ist mit klarer Verantwortungsteilung
nicht nur vereinbar, sondern setzt sie vielmehr voraus. Ohne das
Engagement der Länder und der Kommunen wäre die faszinierende kulturelle
Vielfalt Deutschlands nicht möglich. Sie tragen nach wie vor je
zur Hälfte etwa 90 Prozent der staatlichen Förderung von Kunst und
Kultur; der Etat des Beauftragten der Bundesregierung für Angelegenheiten
der Kultur und der Medien macht nur rund 10 Prozent der staatlichen
Kulturausgaben aus.
Die Schwerpunkte der Kulturpolitik des Bundes
liegen im ordnungspolitischen Bereich, in der Förderung kultureller
Einrichtungen von nationaler Bedeutung, in der Hauptstadtkultur,
in der kulturellen Infrastruktur in den neuen Ländern und in der
Auswärtigen Kulturpolitik. Die Darstellung des Deutschlandbildes
im Ausland wird durch Institutionen wie die Deutsche Welle, den
wissenschaftlichen und künstlerischen Austausch und die Arbeit der
Goethe Institute - Inter Nationes mitbestimmt. Auf Grund der Gesetzgebungskompetenz
des Bundes, die die Rahmenbedingungen für die kulturelle Entwicklung
in Deutschland festlegt - vom Stiftungssteuerrecht bis zur Künstlersozialversicherung
- und der Zuständigkeit für die Außenpolitik ist der Deutsche Bundestag
auch ein eminent kulturpolitischer Akteur. Auf der Grundlage der
Koalitionsvereinbarung haben die Regierungsfraktionen im Bereich
der Ordnungspolitik wesentliche Verbesserungen der Rahmenbedingungen
künstlerischer Arbeit durchgesetzt und neue Schwerpunkte in der
Auswärtigen Kulturpolitik festgelegt.
4.
Die aktuelle Bedeutung der Kultur für sozialdemokratische Politik
basiert auf der Anerkennung der Eigenständigkeit des Kulturellen.
Dies beinhaltet - so wichtig Standortüberlegungen sind - eine Rechtfertigung
der Förderung von Kunst um ihrer selbst willen. Kultur darf nicht
instrumentalisiert werden. Wenn Kultur ein integrales Element gesellschaftlicher
Interaktion ist, hat dies zur Konsequenz, dass Kulturpolitik sich
nicht auf Ressortpolitik begrenzen lässt, sondern eine Querschnittsaufgabe
von hoher Bedeutung ist.
Ein Leitbegriff für diese Querschnittsaufgabe ist
der der Integration. Die bereits erfolgte bzw. die unleugbar noch
notwendige Zuwanderung in die Bundesrepublik Deutschland stellt
die Gesellschaft in hohem Maße auch vor eine kulturelle Aufgabe.
Wohlverstandene Integration ist zu unterscheiden von Assimilation
mit dem - oft unausgesprochenen - Ziel, dass die Zugewanderten sich
möglichst in nichts mehr von den Deutschen unterscheiden sollten.
Und ein angemessener Begriff von Integration verlangt auch Distanz
gegenüber romantischen Auffassungen des Multikulturalismus, die
für ein unverbundenes Nebeneinander verschiedener Kulturen plädieren.
Weder Assimilation noch Segregation, sondern Integration und damit
Kommunikation und Kooperation zwischen allen Individuen sind Voraussetzungen
für ein friedliches Zusammenleben aller Bürgerinnen und Bürger in
einer zivilgesellschaftlich verfassten Demokratie. Dieses Miteinander
setzt aber voraus, dass die Vielzahl der Kulturen in Deutschland
als gleichwertig anerkannt werden.
Kultur ist als Identitätsanker der einzelnen Menschen,
wie der Gesellschaft insgesamt, gerade in Zeiten forcierter Globalisierung
wichtiger geworden. Angesichts der dramatischen Veränderungsprozesse,
in denen wir uns befinden, gibt es ein erhebliches Bedürfnis nach
Vergewisserung, nach Verständigung und nach Identitätsbildung. Kunst
und Kultur sind ihrer Geschichte und ihrem inneren Wesen nach der
Ort, an dem genau diese Fragen diskutiert und reflektiert werden
können.
Die menschenwürdige Gestaltung der Globalisierung,
die mentale Bewältigung des tiefgreifenden Umbruches in Ostdeutschland,
aber auch die mit der digitalen Revolution einhergehenden neuen
Arbeits- und Lebensverhältnisse brauchen eine entfaltete Kulturgesellschaft,
die der Orientierungslosigkeit angesichts des Schwindens einfacher
und nationaler Problemlösungen entgegenwirkt und verhindern hilft,
dass rechtes und antidemokratisches Gedankengut das geistige Vakuum
auffüllt.
In diesem Zusammenhang kommt auch der Politik der
Europäischen Union eine besondere Verantwortung zu. Ein wirtschaftlich
und politisch geeintes Europa müßte ohne kulturelle Identifikation
ein Torso bleiben. Beides, was Europa auszeichnet, die 2000 Jahre
alten geistigen Wurzeln und Gemeinsamkeiten, sowie die enorme kulturelle
Vielfalt und Unterschiedlichkeit, sind für die Menschen in Europa
erfahrbar und erlebbar zu machen, unbeschadet der nationalen bzw.
regionalen Kulturhoheit. Ein kultureller Dialog, auf allen politischen
Ebenen, von der Kommune bis hin zur Europäischen Union, ist im übrigen
die beste Antwort auf rassistische und nationalistische Tendenzen.
Das Bekenntnis zur Kulturnation geht über eine
reine Verfassungsverpflichtung hinaus. Eine moderne Kulturnation
definiert sich nicht durch Abgrenzung, sondern durch einen grundlegenden
Konsens über die in einer Gesellschaft geltenden Regeln der Kooperation,
der Toleranz und der Interaktion allgemein. Diese Übereinkunft muss
die Anerkennung der Vielfalt kultureller Prägungen und individueller
Lebensformen beinhalten. Auch kulturelle Minderheiten müssen sich
in der Kunst wie in der Alltagskultur wiederfinden können. Das Medium
der Bildenden Kunst, des Theaters, der Literatur, des Films, des
Tanzes, der Musik und natürlich auch der Sprache ist wie kaum ein
anderes geeignet, die eigene kulturelle Identität in Relation zu
anderen Lebensformen zu setzen und sich dabei des Eigenen bewusst
zu werden. Es ist Aufgabe der Auswärtigen Kulturpolitik, auch im
Ausland solche Prozesse zu begleiten und die Unterschiede ebenso
wie die Gemeinsamkeiten unterschiedlicher Kulturen herauszustellen.
Die kulturelle Identität Deutschlands setzt ein
differenziertes Bild der eigenen Geschichte voraus. Ohne Verbindung
zur Vergangenheit, ohne historisches Bewusstsein kann es kein gemeinsames
Verständnis von Fortschritt und letztlich auch keine demokratische
Zivilgesellschaft geben. Ein Schwerpunkt der Kulturpolitik des Bundes
liegt daher auf der Erinnerungskultur und der Pflege des Geschichtsbewusstseins.
Sozialdemokratische Kulturpolitik in den Kommunen,
in den Ländern und im Bund bleibt diesen Zielen verpflichtet: Offenheit
für das Neue, gleichermaßen Pflege der kulturellen Traditionen,
zudem der Freiheit der Kultur und der möglichst allgemeinen Teilhabe
am kulturellen Reichtum.