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"Gesicht zeigen! im Landkreis Harburg"
Mittwoch, 30. April 2003
 

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Zeitzeugenveranstaltung mit Kurt Goldstein
Café Mittwoch, Johannesgemeinde, Tostedt

Auf Einladung des „Aktionskreises Gesicht zeigen ! im Landkreis Harburg“ und des VVN/BdA, Kreisverband Harburg, war jetzt am 30. April 2003 der Zeitzeuge Kurt Goldstein in Tostedt. Das Thema seines Zeitzeugen-Berichts: „Das Leben eines jüdischen Widerstandskämpfers (Bürgerkrieg in Spanien, Auschwitz und Buchenwald)“. Rund 50 interessierte Zuhörer hatten sich im Café Mittwoch im Gemeindehaus der Johannesgemeinde eingefunden, um den Zeitzeugen zu hören.

Pastor Meier betonte in seinen einleitenden Worten, man müsse den Anfängen wehren. Das Gespräch mit Zeitzeugen sei dazu gut geeignet. Die SPD-Bundestagsabgeordnete Monika Griefahn stellte kurz die Arbeit des Aktionskreises Gesicht zeigen ! im Landkreis Harburg dar. Sie freute sich, einen Zeitzeugen wie Kurt Goldstein begrüßen zu dürfen, denn die authentische Darstellung des Erlebten sei durch nichts zu ersetzen.

Kurt Goldstein, der am 3.11.1914 in Dortmund geboren wurde und in Hamm aufwuchs, musste schon als Schüler Bekanntschaft mit militantem Antisemitismus machen. Ein besonders antisemitischer Lehrer brüllte ihn an und schmiss ihn aus der Klasse, nur weil er Jude ist. Schon früh engagierte sich Kurt Goldstein politisch, zunächst in der sozialistischen Arbeiterjugend und später im kommunistischen Jugendverband. Als Jugendlicher hatte er Prügeleien mit militanten Nazis, die Juden als „Jordan-Plantscher“ titulierten. 1933 widersetzte er sich der Verhaftung durch die Nazis und floh in die Emigration nach Frankreich und Luxemburg. In Frankreich wurde der für einen Einsatz in Palästina ausgebildet. 1935 / 36 war er Bauarbeiter in Palästina. Anders als viele andere Juden in der Emigration wollte Kurt Goldstein Deutschland nie endgültig den Rücken kehren: „Ich bin auf einer Reise von Deutschland nach Deutschland.“ 1936 – 39 war er Interbrigadist im spanischen Bürgerkrieg und machte mehrere Schlachten u.a. bei Madrid mit. Von 5.000 Deutschen in Spanien sind in der Zeit 2/3 gestorben. Es war die Zeit, in der die Nationalsozialisten auf der so genannten Wannsee-Konferenz die Endlösung der Judenfrage durch Arbeit und Vergasung beschlossen. Schließlich wurde Kurt Goldstein von 1939 – 42 im Internierungslager Le Vernet in Frankreich eingesperrt und 1942 an die Gestapo ausgeliefert. In Eisenbahnwaggons zu 100 Personen zusammengepfercht wurde Kurt Goldstein in das Konzentrationslager Auschwitz – Birkenau verlegt. Die Eisenbahnwaggons trugen die Aufschrift „8 Pferde oder 20 Personen“. In den KZs wurde ständig selektiert, wurden tausende Häftlinge vergast, erschossen und brutal zu Tode gequält. Besonders betroffen waren Frauen, Kinder und Kranke. Ein SS-Mann im KZ jagte wöchentlich wahllos und willkürlich Häftlinge in den Zaun und malträtierte und erschoss sie dort vor den Augen aller. Freiwillig meldete sich Kurt Goldstein für das „Grubenkommando Jawischowitz“, um eine bessere Überlebenschance zu haben. In den Kohlegruben galt es harte Arbeit, überlange Schichten, ständige Selektionen, Seuchen wie das Fleckfieber, ständigen Hunger und Durst zu ertragen. Als Capo sorgte er für seine Mitgefangenen, so gut er konnte. Kurt Goldstein glaubt, dass er nicht überlebt hätte, wenn nicht ein polnischer Bergarbeiter sein Schichtbrot mit ihm regelmäßig geteilt hätte. 1945 war er auf dem Todesmarsch in das KZ Buchenwald. Von 3.000, die losmarschierten, überlebten nur 500. Wer zurückblieb, wurde erschossen. Am 22.1.1945 kam er in Buchenwald an und war an der Selbstbefreiung des KZ am 11.4.1945 beteiligt.

Nach dem Krieg war Kurt Goldstein 1946 Vorsitzender der FDJ in Westdeutschland, arbeitete im ZK der SED mit, siedelte 1951 in die DDR über und arbeitete von 1957 – 77 beim Deutschlandsender, zeitweise sogar als Intendant. In den letzten Jahren hat sich Kurt Goldstein für die Entschädigung der Zwangsarbeiter eingesetzt. Zwischenzeitlich war er Vizepräsident des Internationalen Auschwitzkomitees und ist seit 1994 Ehrenvorsitzender der Internationalen Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (IVVdN) und seit Oktober 2002 Ehrenvorsitzender des VVN/BdA.

Von der weitverzweigten Familie Goldsteins haben nur 12 von 50 Familienmitgliedern die Nazis überlebt. Kurt Goldsteins eindringlicher Appell: „Wir wollen nicht ruhen und rasten, bis in der Welt Frieden geschaffen wird. Jeder hat die Pflicht, Krieg zu verhindern.“