III. Die Notwendigkeit des Baus des 3. Gleises
zwischen Stelle und Lüneburg aus der Sicht des Nahverkehrs
Nach einer älteren Erhebung aus dem Jahre 1987
[vgl. Regionales Entwicklungskonzept für die Metropolregion Hamburg,
Leitbild und Orientierungs-rahmen, Hamburg/Hannover/Kiel 1996, S.
77] hat der Lkr. Harburg einen enorm hohen Anteil von 45 % (!) Berufspendlern,
bezogen auf alle Erwerbstätigen. Mehr als 75 % der Berufseinpendler
benutzten dabei den PKW, auch wegen der sich ständig verschlechternden
Situation des SPNV.
Seit ca. 20 Jahren hat der SPNV auf der Strecke
HH - Lüneburg keine quantitative oder qualitative Verbesserung mehr
erfahren - im Gegenteil:
Die Stadtexpreßzüge, die früher bis HH-Hbf. durchfuhren,
enden seit einigen Jahren in aller Regel schon in HH-Harburg (Nadelöhr
Elbbrücken).
Wie vor 20 Jahren fahren zwischen HH-Harburg und Lüneburg im Schnitt
einmal stündlich ein Regionalexpreß und ein Stadtexpreß in jede
Richtung, in Spitzenzeiten um wenige Züge verstärkt.
Das rollende Material ist gleichfalls das alte; allerdings wurden
einige uralte Waggons durch noch ältere der Reichsbahn (DDR) ersetzt.
Das Land plant allerdings die Beschaffung von 15 Doppelstockwagen
für die Strecke Hamburg - Uelzen bis 2001.
Durch die Überlastung der Strecke und die Mischung von Güterverkehr,
Personenfernverkehr und SPNV leidet die Pünktlichkeit der Züge.
Der immer schnellere Fernverkehr hat dazugeführt, daß bei unverändertem
SPNV wegen der erforderlichen längeren Zugabstände die Kapazität
knapp wurde.
Die einzigen positiven Veränderungen in all den
Jahren sind die Einführung eines einheitlichen Taktes, der aber
wegen der Überlastung der Strecke nicht konsequent durchgehalten
werden kann, und die vom Lkr. Harburg bezuschußten Abonnementsfahrkarten
für Pendler.
An eine Ausweitung des SPNV-Angebots ist unter
den derzeitigen Umständen gar nicht zu denken. Geht man von einem
weiter steigenden Fernverkehr aus, sind sogar weitere Einschnitte
in den SPNV zu befürchten, wenn nicht das 3. Gleis kommt.
Auch die sog. Y-Trasse (siehe unten) wird keine
deutliche Entlastung und Verbesserung bringen, wenn gleichzeitig
andere Verkehre (z.B. über Uelzen und Stendal nach Berlin) zunehmen.
IV. Der Stand der Planungen
Ursprünglich für den Januar 1999 geplant, fand
nun nach Auskunft des Eisenbahnbundesamtes Hamburg am 25. Februar
1999 in Lüneburg ein SCOPING-Termin statt, bei dem der Untersuchungsrahmen
für die Umweltverträglichkeitsprüfung festgelegt wurde, nach deren
Abschluß dann das Planfeststellungsverfahren eingeleitet wird. Die
UVP für das 3. Gleis läuft zur Zeit.
Verantwortliche Behörde für das Planfeststellungsverfahren
wäre das Eisenbahnbundesamt (Hamburg), durchführende Behörde die
Bezirksregierung Lüneburg.
Das Verkehrsprojekt "3. Gleis zwischen Stelle
und Lüneburg" ist noch nicht im derzeit gültigen Bundesverkehrswegeplan
enthalten, obwohl es seit 20 Jahren in der Diskussion ist und neben
dem inzwischen abgeschlossenen Bau der Autobahn 250 das bedeutendste
Verkehrsprojekt im Landkreis Harburg ist. Es hat auch erhebliche
Bedeutung über die Lkr. Harburg und Lüneburg hinaus für die gesamte
Verkehrsregion.
Das Verkehrsprojekt "3. Gleis zwischen Stelle und
Lüneburg" muß dringend mit einem Ansatz im Bedarfsplan für Fernverkehrsprojekte
Berücksichtigung finden.
V. Der Bau des 3. Gleises im Lichte anderer
Verkehrsprojekte
1. Transrapid
Weitgehend offen war lange Zeit die Zukunft der
geplanten Transrapid-Strecke Hamburg-Berlin. Die Verwirklichung
dieses Projekts ist an den extrem hohen Kosten für den Fahrweg gescheitert.
Deshalb werden die vorhandenen, schon jetzt überlasteten Bahntrassen
den stetig steigenden Verkehr aufnehmen müssen.
2. Y-Trasse
Derzeit ebenfalls in der Planung ist die sog. "Y-Trasse",
die Hochgeschwindigkeitsverkehr und andere Verkehre zwischen Hamburg
und Hannover aufnehmen soll. Die "Y-Trasse" ist 1992 noch unter
der CDU/CSU/FDP-Brundesregierung als "Neues Vorhaben" in den Bundesverkehrswegeplan
aufgenommen worden. [vgl. Bundesverkehrswegeplan 1992, S. 36 und
Karte 1] Als Investitionskosten wurden im Bundesverkehrswegeplan
1992 (Preisstand 1.1.1991) 2,5 Mrd. DM veranschlagt. Für das Projekt
"Y-Trasse" wurde bereits die Umweltverträglichkeitsprüfung durchgeführt
und abgeschlossen.
Mehrere Suchkorridore wurden gebildet. Die Y-Trasse
führt von Hannover aus entweder nordwestlich Richtung Bremen und
wird dann im Landkreis Soltau-Fallingbostel (Nähe Rotenburg, Variante
1) oder im Landkreis Harburg (Nähe Tostedt, Variante 2) an die bestehende
Bundesbahnstrecke Hamburg-Bremen angebunden, oder sie führt nördlich
entlang der A 7 und wird dann im Bereich Winsen/Ashausen an die
Strecke Hamburg-Harburg - Winsen/Luhe - Lüneburg angebunden (Variante
3). Von der DB AG wird nach Abschluß der Umweltverträglichkeitsprüfung
eindeutig die Variante 1 favorisiert. Das Votum der DB AG stützt
sich auf Umwelt-, Kosten- und sonstige Gesichtspunkte. Die Variante
3 (A 7-Trasse) dürfte wegen der hohen Kosten (geschätzte 4,15 Mrd.
DM ggü. 2,51 Mrd. DM bei Variante 1 und 2,83 Mrd. DM bei Variante
2) und wegen der weitaus stärksten Umweltbeeinträchtigungen schon
jetzt aus dem Rennen sein. Gleichwohl untersucht die Bezirksregierung
Lüneburg in dem am 9. Juni 1999 eingeleiteten Raumordnungsverfahren
alle drei Trassenvarianten [vgl. Presseinformation Nr. 145/1999
der Bezirksregierung Lüneburg vom 8. Juni 1999]. Mittlerweile hat
die Bezirksregierung angekündigt, daß im Raumordnungsverfahren die
Variante 2 nicht weiter verfolgt wird. Weiterhin wurden die Kommunen
und andere Träger öffentlicher Belange angehört. Das Raumordnungsverfahren
wird voraussichtlich Anfang 2000 mit einer konkreten Empfehlung
für eine Trassenvariante enden. Es könnten dann das Planfeststellungsverfahren
(ca. 3 Jahre) und anschließend die reine Bauzeit (ca. 5 Jahre) folgen.
Voraussetzung für diesen zeitlichen Ablauf ist jedoch, daß keine
Klagen gegen das Verfahren zu zeitlichen Verzögerungen führen und
daß der Bund die Finanzierung dieses Projekts sicherstellt. Angesichts
der Unterfinanzierung des derzeitigen Bundesverkehrswegeplans ist
eine rasche Realisierung des Projekts sehr unwahrscheinlich.
In der Region, im Landkreis Harburg und im angrenzenden
Landkreis Soltau-Fallingbostel, gibt es in Abhängigkeit von den
verschiedenen Suchkorridoren - wie bei größeren Verkehrsprojekten
üblich - erheblichen Widerstand durch Bürgerinitiativen. Allein
im Raumordnungsverfahren, auf das noch das Planfeststellungsverfahren
folgt, wurden über 13.000 Einwendungen erhoben. Betroffene Städte
und Gemeinden haben sich gegen das Verkehrsprojekt ausgesprochen
und zum Teil eigene Gegengutachten in Auftrag gegeben.
Auch die Deutsche Bahn AG sieht den Zusammenhang
zwischen dem Transrapid, der Y-Trasse und dem Bau eines 3. Gleis.
So schrieb der ehemalige Vorstandsvorsitzende der Deutschen Bahn
AG, Dr. Johannes Ludewig, am 14. April 1999 an den Nds. Minister
für Wirtschaft, Technologie und Verkehr Dr. Peter Fischer:
"Für die anderen niedersächsischen Projekte gilt:
Das Raumordnungsverfahren zur Y-Trasse läuft ohne Einschränkungen
weiter. [...] Für den Streckenabschnitt Stelle - Celle wurde am
25.02.99 der Scoping-Termin (Absprache mit allen beteiligten Behörden
und Organisationen über Umfang, Art und Weise der Umweltverträglichkeitsstudie)
für das Planfeststellungsverfahren durchgeführt. Die Planungen der
Transrapid-Strecke werden durch die DB AG als zukünftige Betreiberin
unterstützt. Es liegt im Interesse der DB AG, daß die noch bestehenden
Unsicherheiten durch eine Regierungsentscheidung kurzfristig beseitigt
werden. Dadurch ergibt sich dann auch zusätzliche Klarheit hinsichtlich
eines Schnellverkehrsangebotes Berlin - Hamburg über Stendal - Uelzen."
3. CIR-ELKE
Auf der Strecke Hamburg-Hannover sollte eine neue
Signal- und Sicherungstechnik unter dem Kürzel "CIR-ELKE" im Rahmen
eines Pilotprojekts eingeführt werden. Dadurch sollte eine Verbesserung
der Betriebsqualität und durch kürzere Zugfolgen auch eine gewisse
Kapazitätssteigerung erzielt werden. Die Einführung von "CIR-ELKE"
auf dieser Strecke in den Jahren 1999 bis 2001 wäre das 2. Pilotprojekt
nach einem Projekt im Oberrheingraben gewesen [vgl. auch Fünfjahresplan,
S. 10 f. und Anhang Tabelle S. 3] und hätte auf dieser Strecke etwa
150 Mio. DM gekostet. Nach neueren Informationen wird "CIR-ELKE"
aus technischen Gründen nicht auf der Strecke Hamburg-Hannover eingeführt.
Die Bahn AG ist natürlich weiterhin bemüht, durch Telematik im Schienenverkehr
und den Einsatz moderner Leit- und Sicherungstechnik die Leistungsfähigkeit
des Schienennetzes zu erhöhen.